2015: Willkommen im Klimawandel!

Halfway to hell!
Noch im Dezember 2015 traten die Staaten dieser Welt in Paris zusammen und ließen sich zum Beschluss des nunmehr 21. Weltklimagifpels bejubeln – das berühmte 2-Grad-Ziel wurde völkerrechtlich bindend festgenagelt. Keine 5 Wochen später steht fest: Die Hälfte davon ist erreicht, 2015 lag die Temperatur erstmals 1 Grad über dem vorindustriellen Niveau. Ein beunruhigender Abschluss eines Rekordjahres.

Allesamt am Stockerl
Eigentlich ist ja die ganze Sache so absurd, dass es schon wieder lustig ist: 10 von 12 Monaten (zehn!) haben 2015 global einen Monatsrekord aufgestellt – und jene 2, die es nicht geschafft haben (Jänner und April), ergatterten immerhin noch einen Stockerlplatz. Ein Wahnsinn! Quasi als Draufgabe, machte dann just der letzte Monat noch einen auf Oberchecker und stellte nicht nur einfach einen Rekord auf, sondern bilanziert gleich mal mit der höchsten jemals gemessenen Abweichung. Soviel Dreistigkeit verdient ja fast schon wieder Respekt (mehr zum Dezember in Österreich siehe Winter-Halbzeit).

Temperaturabweichungen 2015

10 von 12 Monaten haben 2015 einen globalen Temperatur-Rekord aufgestellt! (Daten: NOAA, Graphik: wetterblog.at)

Bezugsfrage
Unter dem Strich schließt das Jahr 2015 im Mittel mit einer Abweichung von +0,90° ab – bezogen auf das Niveau 1981-2010 bitteschön, also einer Dekade, in welcher der Klimawandel schon Fahrt aufgenommen hat. Ändert man diese Referenz und bezieht sich auf das sogenannte „vorindustrielle Niveau“, also auf das Ende des 19. Jahrhunderts (bevor wir Menschen begonnen haben, Gefallen am Verbrennen von Kohle & Co zu finden), so steigt die Abweichung 2015 auf etwa +1,1° an. Sind also dem Pariser 2-Grad-Ziel so nah wie nie.

Temperaturabweichung 2015

Graphische Darstellung der Temperaturabweichungen 2015. Quer über die Welt wurde Rekordwärme verzeichnet (Quelle: NOAA)

Bloß Erster sein ist nicht genug
2015 schnupft damit den alten Rekord um Welten, der so „alt“ noch gar nicht wäre: Das letzte Rekordjahr hatten wir nämlich erst 2014. Damit war nun das 39te Jahr in Folge global zu warm; 9 der 10 wärmsten Jahre kommen aus dem 21. Jahrhundert, in den Top 20 liegen gar alle (!) aus den 2000ern – der Rest ist ausschließlich mit Jahren aus den 90ern bestückt. Ihr wollt mehr? Bitteschön: Denn auch der „Vorsprung“, mit dem sich das Jahr 2015 an die Spitze stellt, an sich macht sprachlos: Man muss wissen, so eine Rekordjagd bewegt sich normal im Hundertstel-Bereich, die bisher 6 wärmsten Jahre unterscheiden sich häufig nur in der 2. Nachkommastelle.

Top 10 der global wärmsten Jahre

Top 10 der global wärmsten Jahre und deren Abweichung in Grad Celsius (Daten: NOAA, Graphik: wetterblog.at)

Pause? Fehlanzeige!
2015 allerdings macht einen gewaltigen Sprung nach vorn – so gewaltig, dass nicht nur die Abweichung selbst, sondern eben auch der Vorsprung dieser Abweichung einen Rekord darstellt. Beweis dafür, dass von einer „Erwärmungspause“ oder „Unterbrechung“ – häufig vorgebrachte Argumente von Klimaleugnern, zu meinem Entsetzen auch immer wieder im österreichischen Parlament zu hören – keine Rede sein kann. Wohl eher das Gegenteil: Die Erwärmung scheint sich zu beschleunigen.

El Nino?
Dass hierfür Treibhausgase verantwortlich zeichnen, steht übrigens außer Zweifel – und nicht etwa natürliche Klimaphänomene, wie El Nino, der ja an sich auch gerne mal das Weltklima auf den Kopf stellt. Und da wir gerade in einer heftigen El Nino-Phase stecken, liegt die Vermutung nahe, dass dieser wohl das Seine zum Rekordjahr 2015 beigetragen hat. Und in der Tat, die horrende Dezember-Abweichung wäre ohne El Nino nur schwer zu erklären, bloß: da dieser erst im letzten Jahresdrittel so richtig in Fahrt gekommen ist, also zu einem Zeitpunkt, an dem schon eine Reihe von Monatsrekorden gepurtzelt sind, hätte 2015 so oder so einen Rekord aufgestellt – wenn auch nicht im gleichen Ausmaß.

Alles Energie, Baby!
Der menschliche Einfluss auf das Weltklima wird damit immer deutlicher, wie auch eine kürzlich veröffentlichte Studie festgestellt hat1. Treibhausgase, allen voran CO2, heizen unseren Planeten auf! Da Wärme gemeinhin ja nichts anderes als Energie ist, lässt sich dieses Aufheizen sogar berechnen – und zwar abseits von Celsius in einer Energieeinheit: in Joule. Jede Sekunde erwärmt sich unser Planet um sagenhafte 250 Billionen Joule (eine Zahl mit 12 Nullern)2. Schön, wird sich jetzt so mancher denken. Und?

4 pro Sekunde
Nun, um diese Zahl angreifbarer zu machen, ein Vergleich: Die gleiche Energie steckt in der Detonation von 4 Hiroshima-Atombomben2! Jetzt kann man diese Rechnung freilich fortführen, unser Planet erwärmt sich ja PRO SEKUNDE um 250 Billionen Joule. Pi mal Daumen ist also seit 1998 auf unserem Planeten die Energie von mehr als 2,3 Milliarden Atombomben freigesetzt worden – und während ihr diesen Satz zu Ende lest, sind noch mal weitere 8 detoniert. Übrigens: Das Gros dieser Energie haben die Ozeane aufgenommen – nämlich rund 93%, eben in Form von Wärme. Und schon sind die nächsten 8 explodiert.

Don’t close the door!
Was wir mit unserem Planeten aufführen, ist also unbeschreiblich. 2014 hat erstmals das Tor zum Klimawandel weit aufgeschlagen. Mit 2015 sind wir hindurch getreten. Es liegt nun in unser aller Hand dafür zu sorgen, dass diese Tür nicht zufällt! Prognosen für das Jahr 2016 lassen nämlich Schlimmes erahnen: 2014 hat ohne El Nino einen Rekord aufgestellt, 2015 hätte ihn auch ohne aufgestellt. Nun stecken wir mitten im heftigsten jemals registrierten El Nino-Ereignis. Man braucht kein Hellseher zu sein, um sich die Folgen ausmalen zu können …

PS: Alle Angaben dieses Artikels beziehen sich auf die Temperaturanalysen des amerikanischen Wetterdienstes NOAA. Um Verschwörungstheorien zuvorzukommen („böse Amis!“):  Neben der NASA (gut, ebenfalls Amerika), kommen auch andere, führende Wetterdienste der Welt, darunter der britische (MetOffice) und der japanische (JMA), aber auch non-profit Organisationen wie Berkeley Earth zum gleichen Ergebnis: Das Jahr 2015 hat Geschichte geschrieben!

Globale Durchschnittstemperatur im Vergleich

Globale Durchschnittstemperatur im Vergleich der führenden Wetterdienste der Welt (Quelle: Berkely Earth/Zecke Hausfather)


Fußnoten:
The Likelihood of Recent Record Warmth, Michael E.Mann, Stefan Rahmstorf, et al., 2015 (online verfügbar)

Quelle: skepticalscience.com

7 Kommentare
  1. Johann Wundersamer
    Johann Wundersamer says:

    Manuel, Du bist womöglich Dein ganzes Leben mit diesem Job geschlagen. Klimaherzrasen abschreiben von Anderen ist jetzt vielleicht angesagt.

    Aber irgendwann musst Du doch anfangen mit söwa denga.

    Müsst’s auch nicht freischalten.

    Antworten
    • Manuel Kelemen
      Manuel Kelemen says:

      Lieber Johann, worauf beruht deine Annahme des Abschreibens?
      SG
      Manuel

      PS: Solange Kommentare nicht den Nutzungsbedingungen widersprechen, werden sie auch freigeschalten.

      Antworten
  2. Richard
    Richard says:

    Wann könnte es deiner Meinung nach so weit sein, dass sich der Klimawandel ohne menschliches Zutun von selbst verstärkt (Stichwort: Runaway global warming)? Ich hoffe, dass uns das riskante Geoengineering erspart bleibt, aber viel Hoffnung dazu habe ich nicht.

    Antworten
    • Manuel Kelemen
      Manuel Kelemen says:

      Lieber Richard!
      Ich nehme an, du meinst die sogenannten Kipp-Punkte.
      Die Theorie dahinter besagt, dass die globale Erwärmung ab dem Erreichen einer dieser Kipp-Punkte sich von selbst (abrupt) verstärkt bzw. der Originalzustand nicht mehr hergestellt werden kann, also irreversibel ist. Unter diesen Kipp-Punkten versteht man beispielsweise das Wegschmelzen der Arktis/Eisschilde oder die Zerstörung des Amazonas-Regenwaldes.
      Also Beispiel soll das Szenario Arktis dienen. Wir Menschen beeinflussen derzeit mit dem Ausstoß von Treibhausgasen das Klima, es wird wärmer. Blöderweise in der Arktis gleich doppelt so schnell als global. Aufgrund der Erhöhung der Temperatur, ändert sich nun die Schnee- und Eisausdehnung und als Folge die sogenannte Albedo (Rückstrahlfähigkeit). Macht Sinn: Weißer Schnee reflektiert Sonnenlicht besser als z.B. dunkler Ozean. Nun ist die Änderung dieser Albedo ein positiver Rückkoppelungsprozess: Es wird wärmer, der Schnee schmilzt was wiederum dazu führt, dass es noch wärmer wird (da sich die Albedo ändert). Und nun kommt der Kipp-Punkt ins Spiel: Irgendwann wird der Zeitpunkt kommen, da wir diesen Prozess nicht mehr aufhalten können, er also irreversibel ist.
      Du siehst, ich spreche von „irgendwann“. Das Problem ist nämlich: Wir können nicht sagen, wann und ob es zu einem solchen Kipp-Punkt kommen wird. Das Klimasystem ist hoch komplex, dreht man an einem Schräubchen, ändern sich gleichzeitig 1000 andere. Kipp-Punkte existieren derzeit also nur in der Theorie, aktuelle Klimaprojektionen liefern innerhalb des 21.Jahrhunderts keine Anzeichen für das Erreichen eines solchen.
      Ich hoffe, ich konnte deine Frage etwas beantworten!
      SG Manuel

      Antworten
    • Manuel Kelemen
      Manuel Kelemen says:

      Lieber Mario!
      Aufhalten lässt sich die Erwärmung schon längst nicht mehr – da ist in der Vergangenheit zu viel Zeit unnötig verstrichen. Klar, war sich die Wissenschaft lange Zeit selbst nicht sicher, inwieweit wir Menschen das Klima beeinflussen können – aber hätte es uns jemals einen Haxn gebrochen, etwas sorgsamer mit den Ressourcen aller Art umzugehen?
      Die Frage der Zukunft muss also lauten: Was tun wir, um die Erwärmung zu beschränken? Denn noch sind wir in der Lage, das Ausmaß beeinflussen zu können. Das im Text angesprochene „2-Grad-Ziel“ der Vereinten Nationen ist so ein Versuch, für das es allerdings einschneidende Veränderungen geben muss. Leider zeichnen sich diese so schnell nicht ab – und damit geht wieder viel Zeit verloren.
      Ich hoffe, deine Frage etwas beantwortet zu haben!
      SG Manuel

      Antworten

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