Sommer 2016: Bloß subjektiv scheiße

Überraschung?!
Es mag für viele eine echte Überraschung sein, aber der Sommer 2016 reiht sich – wie praktisch all seine Vorgänger im 21. Jahrhundert – unter die wärmsten der österreichischen Messgeschichte! Und das, obwohl der heurige interessanterweise nicht eine Hitzewelle brachte. Ein Widerspruch? Keineswegs! Eine Bilanz zum Sommerende und warum trotzdem die meisten glauben, dieser Sommer wäre ein Reinfall gewesen …

Drautal

War der Sommer 2016 wirklich so scheiße? Blick auf das Kärntner Drautal, August 2016 (Bild: wetterblog.at)

Utopischer Rückblick
Blicken wir zurück: Letztes Jahr erlebten wir einen Sommer der Superlative, mit Rekorden an allen Ecken und Enden. Nie gab es mehr Hitzewellen, in vielen Regionen Sonnenscheinrekorde, selten so wenig Regentage – der Sommer 2015 ging in die Geschichte ein (siehe: Sommer 2015 – Hitze ohne Ende). Versteht sich von selbst, dass da im Vergleich der heurige nur verlieren kann. Aber genau hier liegt auch der Hund begraben: Es ist utopisch zu glauben, dass jetzt jeder Sommer so zu sein hat, wie der letzte!

Einer profitiert immer …
Der Sommer 2015 war nämlich schlicht ein Jahrhundertereignis. Soll heißen: Das, was wir da letztes Jahr erlebt haben, wird so schnell nicht wieder passieren. Gut so! Denn was die wenigsten wissen: Er gilt europaweit als schwere Naturkatastrophe; die Auswirkungen auf Landwirtschaft, Flora und Fauna sowie Gletscher waren auf dem gesamten Kontinent fatal. Bezogen auf die Mortalität wird der letzte Sommer von den Vereinten Nationen gar als die weltweit zweitschwerste Naturkatastrophe 2015 gereiht! Freilich gibt es immer wieder ein paar Kasperln, die dies leugnen und die vermeintlich positiven Aspekte wie Rekordumsätze bei Freibadbesitzern und Eisverkäufern herausstreichen; aber meist sind das jene, die von Tuten und Blasen keine Ahnung haben.

Kollektiv zu warm
Zurück zum Sommer 2016, der ganz konträr zum letzten performt hat: Keine Hitzewellen, keine Extremtemperaturen, keine Rekorde. Warum aber soll dann dieser Sommer klimatologisch zu warm gewesen sein? Nun, aus 2 Gründen: 1. Es mag zwar keine Hitzewellen gegeben haben, aber auch Kältewellen sind so gut wie ausgeblieben – die paar frischeren Tage, dies es gab, lassen sich schlicht an einer Hand abzählen. Es war somit praktisch durchgehend warm. Grund Nr. 2: Es ist ein weit verbreiteter Mythos zu glauben, dass es im Sommer 30 Grad haben muss.

Der 30-Grad-Mythos
Per Definition ist nämlich der 25er die Sommermarke; erreicht die Lufttemperatur 25 Grad oder mehr, dann spricht man folgerichtig auch von einem Sommertag. Steigt die Temperatur über 30 Grad, dann von einem heißen Tag (früher auch: Tropentag, heute fälschlicherweise oft: Hitzetag) – was aber in Mitteleuropa nach wie vor die Ausnahme denn die Regel ist, auch im Hochsommer! Als Beispiel soll Eisenstadt dienen: Mit einer mittleren Sommer-Höchsttemperatur von ziemlich genau 25 Grad zählt die burgenländische Landeshauptstadt als wärmste Österreichs. Klar ist es mal kühler, mal wärmer – im Mittel aber sind’s 25 Grad, nicht mehr! Heißt jetzt nicht, dass es im Burgenland nicht auch mal heiß werden darf, also der 30er erreicht wird. Im Schnitt passiert das in Eisenstadt 15 mal im Jahr.

Schloss Esterhazy

Schloss Esterhazy in Eisenstadt. Die burgenländische Landeshauptstädte ist im Sommer die wärmste Österreichs! (Bild: Zei Andrei Meriae / CC BY-SA 3.0, Quelle: Wikipedia)

Hitze im Soll
Damit hat die Esterhazy-Stadt heuer das Soll erfüllt: dieser Sommer brachte nämlich 16 heiße Tage. Auch alle anderen Landeshauptstädte liegen so ziemlich genau im klimatologischen Mittel, manche auch deutlich darüber, wie Salzburg oder Bregenz. Es hat also österreichweit genügend heiße Tage gegeben – halt nicht in einer Reihe (wie bei Hitzewellen üblich), sondern schön verstreut über den gesamten Sommer.

Heiße Tage (≥ 30 Grad) Sommer 2016 Mittel 1981-2010 Sommer 2015
Wien – Hohe Warte 17 14,8  40
Eisenstadt 16 15,2 38
St. Pölten 15 12,9 40
Linz 7 10,3 39
Salzburg – Freisaal 13 9,5 40
Innsbruck – Universität 18 15,3 43
Bregenz 8 3,8 29
Klagenfurt 9 13,3 33
Graz – Universität 10 11,0 33

Milchmädchenrechnung
30 Grad bedeutet aber auch, dass es – bleiben wir am Beispiel Eisenstadt – 5 Grad zu warm ist (zur Erinnerung: die Mitteltemperatur liegt ja hier bei 25 Grad), also brauchen wir folgerichtig auch im Sommer kühlere Tage. Die aber waren heuer selten; in Eisenstadt stehen den 15 heißen Tagen (Temperatur ≥ 30 Grad) lediglich 4 kältere (Temperatur ≤ 20 Grad) gegenüber. Wenn’s also ständig warm ist, und nur selten kalt, dann bleibt unterm Strich ein Plus. Ganz ohne Extremwerte.

Temperaturabweichung Sommer 2016

Temperaturabweichung (in °C) Sommer 2016. Es war österreichweit zu warm! (Bild: ZAMG)

Elfter Platz
Freilich ist die klimatologische Mittelwertrechnung etwas komplizierter, aber das Eisenstadt-Beispiel im Kern richtig. Verfährt man nun genau so für ganz Österreich, so bilanziert der Sommer 2016 mit einer Abweichung  von +0,9 Grad, was Patz 11 in der Sommer-Hitparade bedeutet, die immerhin bis ins Jahr 1767 zurückreicht. Damit ist das der nunmehr elfte Sommer des 21. Jahrhunderts, der sich in die Top 20 reiht! Man muss schon sehr, sehr weit zurückblicken, um einen wirklich kalten Sommer zu finden: Zuletzt war das 1989 der Fall mit einer Abweichung von -1,1 Grad1.

Sommer-Ranking

Die wärmsten Sommer in Österreich im Vergleich zum heurigen; Aufzeichnungsbeginn: 1767 (Daten: ZAMG, Graphik: wetterblog.at)

Mediale Gehirnwäsche
Warum also empfinden viele diesen Sommer als so scheiße? Nun, ein Grund – wie schon erwähnt – ist der subjektive Vergleich zum letzten. Der zweite Grund, der auf ersterem aufbaut, ist die Kommunikation vieler Medien: Wenn einem in einer Tour eingetrichtert wird, wie beschissen der Sommer nicht ist, und wie toll der letzte nicht gewesen sei – ja, dann glaubt man das auch irgendwann. Vor allem, wenn sich auch der Staatsfunk nur allzu oft diesem Tenor anschließt. Schade!

Der liebe Regen …
Der wohl schwerwiegendste Grund aber, warum dieser Sommer bei vielen als schlecht in Erinnerung bleiben wird, ist der viele Regen. Doch auch dieses Argument kann ich so nicht stehen lassen, denn hier greifen selbstredend wieder die vorher erwähnten Umstände: Vergleich mit dem letzten Sommer (der ja extrem trocken war) und die mediale Berichterstattung (bei der jedes Sommergewitter ausgeschlachtet wird). Faktum ist: Dieser Sommer brachte viel Regen, er zählt sogar zu den nassesten der Messgeschichte (Platz 15, Aufzeichnungsbeginn 1858). Faktum ist weiter: Es gab Unwetter. Es gab Murenabgänge, Überflutungen, Hagelschlag. Und ich möchte das auch gar nicht kleinreden. Allerdings: Wir müssen das alles schon ein wenig in Relation betrachten. Gab es mehr Regen als normal? Ja. Gab es aber auch mehr Regentage? Nein, mit Ausnahme von Graz liegen alle Landeshauptstädte im Soll. Gab es vielleicht mehr Gewitter? Nein, ganz im Gegenteil, gewittermäßig war selbst im letzten Jahr mehr los! Bloß: Wenn es denn mal geregnet hat, oder ein Gewitter niedergegangen ist, ist mehr Regen gefallen – daher auch das Plus in der Niederschlagsbilanz.

Regentage (min. 1 Millimeter) Sommer 2016 Mittel 1981-2010 Sommer 2015
Wien – Hohe Warte 26 26,8 21
Eisenstadt 26 26,4 18
St. Pölten 31 30,6 22
Linz 37 34,5 25
Salzburg – Freisaal 48 44,9 40
Innsbruck – Universität 40 39,9 40
Bregenz 43 40,8 26
Klagenfurt 35 30,0 33
Graz – Universität 43 31,8 24
Niederschlagsabweichung Sommer 2016

Niederschlagsabweichung (in %). Österreichweit war der Sommer 2016 zu nass (Bild: ZAMG).

Nasse Nächte
Was ich damit sagen will: Ja, der Sommer war nass. Aber es macht einen Unterschied, ob es jeden Tag regnet oder nicht. Abgesehen davon, sind in der Osthälfte des Landes rund 2/3 (Eisenstadt) bis 3/4 (Wien) des gefallenen Niederschlages in der Nacht gefallen, im Westen rund die Hälfte. Lediglich Graz sticht wieder hervor, hier hat es hauptsächlich tagsüber geregnet. Einer muss ja die Arschkarte ziehen. Übrigens: Sonnenmäßig liegen wir österreichweit im Soll, die Sonnenausbeute war damit mehr als genug. Auch in Graz.

Überzeugt?
Summa summarum also war der Sommer warm und sonnig, es gab zwar mehr Regen, aber nicht zwingend mehr Regentage. Gewitter oder gar Unwetter gehören zum Sommer dazu; der Eindruck, diese seien heuer besonders häufig, ist rein subjektiver Natur, unterstützt durch Medien und Internet. Zwar mag jetzt der eine oder andere nach wie vor davon überzeugt sein, dass der Sommer 2016 scheiße war. Doch zeigt dieser Umstand sehr schön, dass auch „scheiße“ relativ wie subjektiv sein kann.

PS: Viel von dem, was der Sommer vermeintlich verbockt hat, mach er jetzt gegen Ende wieder gut. Temperaturen jenseits der 30-Grad-Marke sind Ende August, Anfang September nicht so häufig, wie man vielleicht denken könnte. Und wenn jetzt auch noch ein feiner Altweibersommer folgt, dann sollte die Welt für alle wieder in Ordnung sein ;)

Wie immer Dank an Haus- und Hofklimatologen der ZAMG Alexander Orlik!


Fußnoten
Alle Sommer, die seit 1989 unterdurchschnittlich bilanziert haben: 1996 (-0,7°), 1997 (-0,4°), 1999 (-0,3°), 2005 (-0,4°).

5 Kommentare
  1. Manuel
    Manuel says:

    Tolle Resümee! Auch ich wurde schon mehrere Male im Sommer angesudert, während in manchen sozialen Medien Kommentare wie „Wann beginnt endlich der Sommer?“ herumgeistern… da kann man gar nicht genug Licht ins Dunkel bringen. Danke!

    LG Manuel

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