Der Mythos von weißen Weihnachten

Alle Jahre wieder …
Selten im Jahr sind wir Meteorologen so gefragt, wie in der Adventzeit. Schließlich gilt es möglichst früh zu verkünden, was sich viele von uns erwarten: weiße Weihnachten. Dumm nur, dass es sich hierbei um ein Klischee handelt, welches noch dazu die gleiche Herkunft hat, wie der heutige (kommerzialisierte) Weihnachtsmann: Amerika!

Fehlender Zusammenhang
Es ist schon ein wenig paradox: Obwohl in diversen Liedern – von Leise rieselt der Schnee bis White Christmas – besungen, hat Schnee per se nichts mit dem Weihnachtsfest zu tun. Schließlich darf man davon ausgehen, dass in Betlehem zu Christi Geburt – immerhin der Grund warum Weihnachten überhaupt gefeiert wird – wohl kein Schnee gelegen ist. Und trotzdem gehört für die meisten das eine mit dem anderen irgendwie zusammen – selbst Winterhasser machen dahingehend zu Weihnachten eine Ausnahme. Zumindest heute.

Weiße Weihnachten!

Weiße Weihnachten – Wunschtraum vieler und doch nur ein Klischee (Foto: StyriArt/Gerald Reczek)

Es war einmal …
Im Europa des Mittelalters hat die Sache noch anders ausgesehen: Die kalte Jahreszeit war oft hart und entbehrungsreich, Heizungen ein Fremdwort, Hunger und Krankheit standen an der Tagesordnung. Kaum vorstellbar, dass sich unsere Vorfahren just zu Weihnachten auf Schnee und Kälte gefreut hätten! Noch im Dezember 1870 titelte die österreichische Presse:

Weiße Weihnachten, grüne Ostern, sagt ein alter Spruch, der uns trösten soll inmitten der Unbilden des Winters mit der fröhlichen Aussicht auf einen frühen Lenz.
Wiener Sonn- und Montagszeitung, Dezember 1870

Man war also eher froh, wenn möglichst rasch der Frühling wieder da ist und alles grün wird – deshalb auch der alte Weihnachtsbrauch mit den immergrünen Mistelzweigen.

Schneemann

Anfangs war der Schneemann verhasst; Kupferstich aus dem Jahre 1860 (Foto: Wikipedia/Public Domain)

Do you wanna build a snowman?
Mit Beginn der Industrialisierung allerdings änderte sich dieses Verhältnis zum Winter recht rasch – was sehr schön am Beispiel des Schneemanns zu sehen ist: Ursprünglich als Personifizierung der kalten Jahreszeit verhasst (nix mit „schau wie lieb, ein Schneemann!“), wurde er im Laufe des 19. Jahrhunderts mehr und mehr zum Sinnbild für Spaß im Schnee. Und just in dieser Zeit fällt auch die Geburtsstunde vom Wunschtraum weiße Weihnachten.

Bloß ein Modetrend
Denn ab der Mitte des 19. Jahrhunderts kam immer mehr der Trend auf, Weihnachtskarten zu verschicken. Stand zu Beginn noch das Fest an sich im Mittelpunkt, hat sich rasch ein Motiv zum Verkaufsschlager entwickelt: weiße Winterlandschaften in allen Variationen. Die ersten Weihnachtskarten dieser Art kamen dabei interessanterweise aus Amerika, genaugenommen aus Neuengland im Nordosten der USA1, das damals wie heute erstaunlich oft weiße Weihnachten feiert.

Man will immer, was man nicht hat
Die „alte Welt“ (sprich Europa) war von dieser Schneeromantik dermaßen angetan, dass diese zum Sinnbild wurde, wie denn Weihnachten auszusehen hat: nämlich weiß. Richtig blöd aber, dass es damit schon im 19. Jahrhundert nicht immer so recht klappen wollte! Verlässliche Schneedaten aus dem 19. Jahrhundert existieren zwar nicht, die österreichische Presse aber titelte 1874 wie folgt:

Der December gilt als der Wintermonat par exellence und weiße Weihnachten sind ebenso erwünscht wie grüne Ostern. Wir verlangen nach der brutalen Macht des Winters wie nach dem milden Scepter des Frühlings; die eisige Pracht des ersten erquickt wie der frühe Reiz des letzteren. Aber der Christmonat entsprach diesmal ebesowenig den gehegten Erwartungen wie im Vorjahre. Der Landschaft fehlte das Winterkleid, schneelos zeigten sich Berge und Thal.
Die Presse, 1874

Und wenige Jahre später:

Weiße Weihnachten! Fast scheint es, als sollte die gegenwärtige Generation Mitteleuropas auf die Schneedecke in der Weihnachtswoche, die das schöne Fest im häuslichen Kreise um so behaglicher macht, verzichten müssen. Seit Jahren schon feiern wir bei einer fast südländlichen Temperatur das Fest, und die strahlenden Lichter des Weihnachtsbaumes, die sonst angenehm die aus dem großen Kachelofen strömende Wärme vermehrten, bringen die Zimmertemperatur beinahe auf eine unangenehme Höhe, trotzdem sonst das Heizmaterial gespart wird. 
DAS INTERESSANTE BLATT, Dezember 1882

Schlecht gewählt
In Europa ist also Schnee zu Weihnachten schon damals nicht an der Tagesordnung gestanden – sonst hätte man ja nicht erst Weihnachtspost mit Winterlandschaften aus Amerika gebraucht. Dabei liegt es eigentlich auf der Hand, warum es mit Schnee zu Weihnachten bei uns nur selten klappen will: das Fest der Feste fällt terminlich einfach echt ungünstig!

Denkt logisch
Die Wintersonnwende (meist 21. Dezember) liegt nämlich zu Weihnachten noch nicht lange zurück; der Winter ist laut Kalender gerade mal 3 Tage alt, die eigentlichen Hochwintermonate stehen mit Jänner und Feber also erst bevor. Und wenn es dann doch einmal vor dem Fest Schnee gibt, schlägt meist das Weihnachtstauwetter zu2. Weiße Weihnachten können damit in den Niederungen nur die Ausnahme, denn die Regel sein! Warum das keiner so Recht wahrhaben will? Nun, vermutlich weil die Oma immer was anderes erzählt. Aber warum tut sie das? Zum Glück gibt’s Wetteraufzeichnungen!

Die Oma hat’s g’sagt!
Und die zeigen eines ganz deutlich: Die meisten Großeltern liegen nicht mal ganz falsch, wenn sie ihren Enkeln erzählen, dass man früher zu Weihnachten stets durch Schnee gestapft ist. Das hat einen Grund: Die verklärten Erinnerungen auf die 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, die tatsächlich eine Reihe kalter und schneereicher Winter brachten; praktisch jährlich gab es weiße Weihnachten, selbst in Wien lag in diesem Jahrzehnt in 7 von 10 Fällen Schnee (und zwar wirkliche Mengen, nicht bloß ein wenig angezuckert!). Warum die 60er so herausragen, weiß kein Mensch. Faktum ist aber, dass Schnee zu Weihnachten sonst eher Mangelware ist.

Statistische Wahrscheinlichkeit für weiße Weihnachten ausgewählter Städte und Orte Österreichs (in %), Schneedecke von mindestens 1 cm am 25.12., Daten 1981-2015 (Daten: wetterblog.at/ZAMG, Foto: Skywarn Austria/Nadja Pohl, Aufbereitung: wetterblog.at).

Harte Fakten
Lässt man die schneereichen 60er außen vor, dann sinkt die Wahrscheinlichkeit für weiße Weihnachten deutlich. Innsbruck und Klagenfurt sind von den Landeshauptstädten noch die verlässlichsten Kandidaten: immerhin darf man sich hier fast jedes zweite Jahr über Schnee zu Weihnachten freuen, auch Salzburg ist noch ganz vorne mit dabei. Schlusslichter hingegen sind Wien und Eisenstadt – hier klappt’s im Schnitt nur alle 5 Jahre. Und seit letztem Jahr sind auch Höhenlagen um 1000 Meter kein Garant mehr für weiße Weihnachten: 2015 hatten selbst viele Wintersportorte erstmals in der Aufzeichnungsgeschichte zu Weihnachten keinen Schnee! Erst in den Gebirgsregionen geht’s rasch Richtung 100%.

Last white Christmas
Noch viel seltener ist demnach, dass ganz Österreich unter eine Schneedecke zu Weihnachten liegt: zuletzt war das 1994 der Fall3. Wer nun aber raten müsste, welche Landeshauptstädte zuletzt das Weihnachtsfest in weiß feiern durften, wird ziemlich sicher daneben liegen: Es waren nämlich Wien und Eisenstadt vor 4 Jahren!

Letzte weiße Weihnachten in Österreich

Die letzten weißen Weihnachten der österreichischen Landeshauptstädte, Schneedecke jeweils am 24.12 mit mindestens 1 cm (Daten: ZAMG, Foto: APA, Aufbereitung: wetterblog.at)

Heuer?
Dass es 2012 allerdings nur 1 (Wien) bzw. 3 cm (Eisenstadt) waren, verschweig ich lieber. Sonst machen wir uns ja im Westen lächerlich! Dabei gab es auch in Wien schon mal richtige Schneemassen zu Weihnachten: 36 cm – 1981. Deutlich höher liegt da der Rekord aller Landeshauptstädte für einen Heiligen Abend: 96 cm – 1961 in Innsbruck. Das werden wir heuer definitiv nirgends erreichen – und auch für weniger sieht’s eher schlecht aus, wenngleich ich weiße Weihnachten heuer noch nicht ganz abschreiben würde. Und auch der Statistik nach, sind sie in allen Landeshauptstädten längst mal wieder überfällig – Klischee hin oder her ;)

PS: Wer nun dem Klimawandel den Schwarzen Peter zuschieben will – im Falle von weißen Weihnachten klappt das nur bedingt. Im Flachland nämlich werden weiße Weihnachten zwar in Zukunft noch seltener, wirklich häufig waren sie aber – wie wir gesehen haben – ohnehin nie (mit Ausnahme der 60er Jahre halt). Anders hingegen im Bergland: Wenn sich der Trend zu schneelosen Weihnachten hier fortsetzt, dann wäre das definitiv ein Zeichen einer sich wandelnden Welt!


Fußnoten:
1 Selbstredend lässt sich diese Theorie nicht überprüfen, Fakt ist allerdings, dass vor 1850 jeglicher Schnee-Bezug auf Weihnachtskarten aller Art fehlt! Eine britische Postkarte aus dem Jahre 1845 etwa zeigt den Weihnachtsmann (Father Christmas) auf schneefreien Dächern herumspazieren. Leider ist das Verwenden dieses Bildes untersagt, man kann es aber hier selbst nachblättern: Climatic ChangeApril 1996, Volume 32, Issue 4, pp 495-509.
2 Das Weihnachtstauwetter zählt sogar zu den meteorologischen Singularitäten, also einzigartige (lat. singularis), auffällig oft wiederkehrende Witterungen, zu einer bestimmten Zeit im Jahr. Auch die Eisheiligen, die Schafskälte oder die Hundstage zählen dazu.
3 Mit einer Ausnahme: Das Rheintal (Vorarlberg) war weitgehend schneefrei.

8 Kommentare
    • Manuel Kelemen
      Manuel Kelemen says:

      Servus Manfred,
      klar, kein Problem! Kenn die genauen Zahlen aus Deutschland nicht, die Aussage müsste aber die gleiche sein (schneereiche 60er, sonst eher selten …).
      Lieben Gruß,
      Manuel

      Antworten
  1. Iago
    Iago says:

    Hallo Manuel,
    gratuliere zum Blog! Hab zumindest schon diesen einen Artikel gelesen.
    Sehr interessant fand ich die Fußnote, dass es vor 1850 gar keine Relation „Weihnachten-Schnee“ gab. Und dass der Winter erst am 21. Dezember anfängt vergisst man auch gern mal… Na ja, heuer hätte man fast noch die Badehose auspacken können :-)

    Antworten

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