Der erste Meilenstein

Auf in den Kampf!
Das Kyoto-Protokoll gilt als der wohl berühmteste Meilenstein der internationalen Klimapolitik; im Jahre 1997 wurden damit die ersten verbindlichen Ziele im Kampf gegen den Klimawandel gesetzt. Was aber kaum jemand weiß: Kyoto war nicht der Anfang, sondern das Ende einer recht langen Odyssee, die ihren Ausgangspunkt rund 9200 km vom japanischen Kyoto entfernt nimmt – im Österreich der 80er Jahre.

Chronologische Vollständigkeit
Im Internet findet man oft einen anderen Ausgangspunkt, der freilich mehr Sinn macht: die erste Weltklimakonferenz 1979 in Genf (Schweiz). Diese Tagung  war (für damalige Verhältnisse) tatsächlich ein Riesenevent mit 400 Teilnehmern aus 50 Staaten. Und da ja weitere Weltklimakonferenzen folgten und noch folgen, darf diese erste selbstredend in keiner Chronologie fehlen, weshalb auch ich sie erwähnen möchte. Aber: Genf war relativ unbedeutend, die Wissenschaft einfach noch nicht sicher, wie mit der drohenden Gefahr umzugehen ist. Dem Genfer Abschlussdokument1 ist zu entnehmen:

Wir können mit einiger Sicherheit sagen, dass das Verwenden fossiler Brennstoffe […] den CO2-Gehalt der Atmosphäre ansteigen lässt […] und es erscheint plausibel, dass ein höherer CO2-Gehalt zu einer allmählichen Erwärmung der unteren Atmosphäre beitragen kann. […] Die Weltorganisation für Meteorologie verdient die höchste Unterstützung aller Nationen, diesen menschlichen Einfluss auf das Klima zu erforschen. […]

Öffentliches Neuland
In der Öffentlichkeit war das Thema überhaupt noch neu – der Mensch kann das Klima beeinflussen? Die Zeitschrift Der Spiegel schrieb dazu in seiner Ausgabe2 vom 26. Februar 1979 unter dem Titel „Tod im Treibhaus“ von der Weltklimakonferenz in Genf:

Zumindest einige Wissenschaftler glauben die mögliche Ursache für eine Klima-Apokalypse bereits erkannt zu haben – die steigende Sättigung der Erdatmosphäre mit Kohlendioxid (CO2), das bei der Verbrennung von Holz, Kohle, Heizöl und Benzin freigesetzt wird. […] Wie eine Glasglocke, so fürchten die Forscher, werde sich in den nächsten Jahrzehnten eine immer dichtere CO2-Schicht über der Erde ausbreiten und den Planeten schließlich in ein gigantisches Treibhaus verwandeln.[…] Dass der Treibhaus-Effekt – das zentrale Diskussionsthema auf der Genfer Klimatologen-Konferenz – die Erde, zumindest theoretisch, dereinst bedrohen könnte, mochte die Mehrheit der in Genf versammelten Wissenschaftler nicht mehr ausschließen. […]

Der Spiegel: "Tod im Treibhaus"

Original-Ausschnitt des Spiegel-Artikels „Tod im Treibhaus“ vom 26.02.1979 (Quelle: Der Spiegel, leicht adaptiert)

Klein aber oho!
Genf rief also die „Nationen der Welt“ lediglich auf, „gemeinsam den Klimawandel zu erforschen“, nicht jedoch, etwas dagegen zu unternehmen. Erst sechs Jahre später, im Jahre 1985, sollte dieser feine Unterschied bereinigt werden: Bei einer – im Vergleich zu Genf – relativ kleinen Tagung (Teilnehmer aus bloß 29 Ländern), wurde erneut über die Rolle des CO2 und anderer Treibhausgase auf unser Klima geplaudert – und zwar in Villach (Kärnten). Diese Tagung endete mit folgender Schlusserklärung3:

Als Folge der steigenden Konzentrationen von Treibhausgasen […] könnte in der ersten Hälfte des nächsten Jahrhunderts ein Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur erfolgen, der größer ist als jemals in der Geschichte der Menschheit. […] Während eine gewisse Erwärmung des Klimas unvermeidbar erscheint, könnte das Tempo und das Ausmaß zukünftiger Erwärmung durch politische Maßnahmen in Hinblick auf Energiesparen, Nutzung fossiler Treibstoffe und die Emission von Treibhausgasen beeinflusst werden. […] Bei einer Verdoppelung des CO2-Gehalts in der Atmosphäre, würde die Oberflächentemperatur der Erde um 1,5 bis 4,5 Grad ansteigen […]

Villach

Villach, die siebent-größte Stadt Österreichs; im Vordergrund die Drau (Foto: Stadt Villach)

Mut kann man nicht kaufen
Oha! Weit mutiger als Genf! Der drohenden Gefahr wurde damit nicht nur erstmals ein Ausmaß gegeben, sondern gleichzeitig wurde die Politik auch aufgefordert, zu handeln – noch 2 Jahre zuvor hat der Nationale Forschungsrat der USA lediglich zu „Vorsicht, nicht Panik“ aufgerufen und sich ausdrücklich gegen eine Reduktion von CO2 ausgesprochen4. Villach kann sich damit erhobenen Hauptes als Vorreiter im Kampf gegen den Klimawandel sehen, quasi als ersten Meilenstein, mit dem nicht nur Konsens über die Gefahr des Klimawandels geschaffen wurde, sondern der am Ende auch zur Gründung des Weltklimarates (IPCC) führte (1988). Genau darin unterscheidet sich diese kleine Villach-Tagung von der ersten, weitaus größeren Weltklimakonferenz in Genf: Erst mit Kärnten wurde der Klimawandel (politisch) salonfähig gemacht.

Ab ins 19te Jahrhundert
Doch weder Villach noch Genf haben den Klimawandel neu erfunden. Die Theorie nämlich, dass CO2 einen Einfluss auf unser Klima haben muss, wurde schon im 19ten Jahrhundert aufgestellt! Mehr dazu im zweiten Teil: Nobelpreisträger auf Irrwegen.


Fußnoten:
1
 Declaration of the World Climate Conference, World Meteorological Organization, Genf/Schweiz, 1979

2 Quelle: Der Spiegel
3 Report of the International Conference on the assessment of the role of carbon dioxide and of other greenhouse gases in climate variations and associated impacts, World Meteorological Organization, Villach/Österreich, 1985
4 The Development of an International Agenda for Climate Change: Connecting Science to Policy, Wendy Franz, Harvard University, 1997 (online verfügbar)


Dieser Artikel ist Teil des Schwerpunkt-Themas Auf nach Paris!
Eine Auflistung aller Artikel findest du hier.

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