Klärt mich bitte jemand auf!
Folgendes beschäftigt mich schon seit Studentenzeiten: Wie kann eine Wetterregel entstehen und sich über Jahrhunderte halten, obwohl sie für uns Meteorologen gar keinen Sinn macht?

Okay, ich fang von vorne an.
Wir alle kennen ja diese Wetterregel:

Hat der *soundso* einen Hut, wird das Wetter gut,
hat der *soundso* einen Sabel, wird das Wetter miserabel.

Wobei *soundso* ein Platzhalter für unseren ganz persönlichen Hausberg ist. Das kann der Grimming (ST), der Schneeberg (NÖ), der Pendling (T), der Feuerkogel (OÖ), der Dobratsch (K), …. oder in meinem Fall der Pfänder (V) sein.

Der erste Teil der Wetterregel ist einleuchtend.
Um Bergen einen Hut zu verpassen, braucht es ganz ähnliche Zutaten wie bei Föhn: Eine kräftige Windströmung, einen Berg und eine stabile Schichtung. Bedeutet: Wenn nun der Wind auf den Berg trifft und gewaltsam nach oben abgelenkt wird, steigt er nicht wie eine Rakete weiter in den Himmel hoch, sondern wird hinter dem Berg wieder runtergedrückt. Ist ein bisschen Feuchtigkeit in der Luft, wird dieses Überströmen des Berges durch eine Haube sichtbar gemacht. Und eine stabile Schichtung, sagen wir es mal ganz salopp, bedeutet “Schönwetter” (zumindest im Sommer). Okay das ist abgehakt: Hat der *soundso* einen Hut, wird das Wetter gut kann man vertreten. Sitzt, passt und hat Luft!

Hat der Berg einen Hut ...

Bild: Ein Berg mit Hut ist ein Schönwetterindikator! Im Bild der Dachstein, an der Grenze zwischen Oberösterreich und der Steiermark (Aufnahme: Herbert Raffalt)

Jetzt wird es kritisch.
Hat der *soundso* einen Sabel … – okay, was meint der Sabel? Ich sag mal, der Sabel ist ein Wolkenband, das sich mehr oder weniger am Fuß des Berges oder am Hang entlang zieht. Das sieht dann aus wie ein Säbel, den der Berg wie ein amerikanischer Bürgerkriegs-Soldat an der Seite trägt. So irgendwie ist das gemeint. Aber, wie entsteht meteorologisch so ein Wolkenband? Aus meiner Sicht ist das zum Beispiel der Wolkenrest einer feuchten Grundschicht, eine Stratus fractus -Wolke. Solche Wolkenreste lösen sich mit der Sonne aber oft genug auf – und dann kann der Tag richtig perfekt sein! Heißt für mich: Hat der *soundso* einen Sabel, wird das Wetter miserabel ist meteorologisch nicht zu halten – ich sag mal vorsichtig: ich tu mir mit dem zweiten Teil der Wetterregel schwer.

... hat er einen Säbel ...

Bild: Ein Berg mit Säbel – für Andreas Jäger nicht zwingend ein Zeichen, dass das Wetter schlecht wird. Im Bild der Grimming in der Steiermark (Quelle: meinbezirk.at/H. Posch)

Helft mir!
Wie kann etwas, das anscheinend falsch ist, sich über Jahrhunderte halten? Und zwar überall im Alpenraum!
Liegt es an der deutschen Sprache, weil sich Sabel so wunderbar auf miserabel reimt?
Gibt es deswegen diesen Spruch am Apennin, in den Pyrenäen und in der Rockies nicht? Oder gibt es ihn dort sehr wohl?
Oder, und das ist das Wahrscheinlichste: Es gibt eine Erklärung, und ich bin einfach noch nicht drauf gekommen?!

Wer es weiß, oder eine andere schöne, vielleicht mögliche Erklärung hat – soll mich bitte nicht dumm sterben lassen!

Neues Buch von Andreas Jäger

Übrigens:
In einem Büchlein, das vor kurzem erschienen ist, habe ich die „20 Wetterregeln, die man kennen muss“ zusammengestellt. Ich hoffe, man ist mit meiner Auswahl zufrieden. Und auch da bin ich für ein Feedback dankbar.
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4 Kommentare
  1. decordoba
    decordoba sagte:

    Ich kenne diese Wetterregel in anderer Version:
    “Hat der Berg einen Hut – bleibt das Wetter sicher gut!
    Hat der Berg einen Kragen – darf man einen Aufstieg wagen.
    Hat der Berg einen Sabel – wird das Wetter miserabel.”

    Das zweite Bild mit dem Grimming könnte man noch als Kragen bezeichnen. Ein Sabel ist gemeint, wenn eine oder mehrere dünne Schichtwolken an der Flanke eines Berges zu beobachten sind (in verschiedener Höhe). Das ist ein Hinweis auf hohe Luftfeuchtigkeit in verschiedener Höhe und wahrscheinlich auch auf labile Luftschichtung.

    Antworten
  2. Manuel Kelemen
    Manuel Kelemen sagte:

    Andreas!
    Ich denke auch, dass der Säbel nicht zwingend auf Wetterverschlechterung oder Schlechtwetter hindeuten muss.
    Den Grund für den zweiten Teil des Spruchs (den es übriges auch in anderen Varianten gibt: Degen/Regen, Ring/schlimm) kann ich mir nur durch die Wolkenhöhe – und daraus folgend der Gattung erklären, da in erster Linie nur tiefe Wolken Niederschlag bringen (abgesehen von Gewittern), allen voran Nimbostratus bzw. Stratocumulus. Und einen Säbel trägt man ja in Hüfthöhe, also tiefer als den Hut ;)

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