Sommer 2022: Ein extremer Sündenbock

Schuldfrage
Sehr heiß, sehr trocken, zwischendurch Unwetter – der Sommer 2022 hat eigentlich gar nicht so viel anders gemacht als die meisten seiner Vorgänger; das Muster ist seit Jahren ähnlich. Selten zuvor aber waren die Folgen derart fatal: Ganze Seen am Austrocknen, rekordniedrige Grundwasserpegel, historisch beispiellose Gletscherschmelzen, Unwetter außergewöhnlicher Heftigkeit; in Europa Waldbrände enormen Ausmaßes, in vielen Ländern Rekorddürre wie auch -hitze, in Italien ein gewaltiger Gletscherbruch – ein böser Sommer also? Zum Teil, er war in vielerlei Hinsicht extrem. Aber keineswegs Auslöser der Misere. Eine Bilanz zum Sommerende.

Die Abbruchstelle des Marmolata-Gletschers in den Südtiroler Dolomiten (Quelle: Wikipedia, CC BY 3.0)

Stille Riesen erwachen
Wir schreiben den 03. Juli 2022, an einem sommerlichen Sonntagnachmittag in der Region Trentino-Südtirol: Am höchsten Berg der Dolomiten, der Marmolata, löst sich auf ca. 3400 Meter Seehöhe ein 200 Meter langer, 80 Meter breiter und 60 Meter hoher Eisblock vom dortigen Gletscher und reißt 11 Bergsteiger in den Tod. Dass Teile von Gletschern abbrechen, ist an sich nicht so ungewöhnlich, passiert allerdings meist bei solchen auf Steilhängen (sogenannte Hängegletscher) – der Marmolata-Gletscher (der einzig größere in den Dolomiten) ruht allerdings auf einem im Vergleich sanft abfallenden Hang. Wie also konnte es zu dieser Katastrophe kommen? Vermutlich dürfte Schmelzwasser in Gletscherspalten bis zum Boden vorgedrungen sein, was wiederum Auswirkungen auf die Haftung hatte: Ein Teil des Gletschers geriet ins Gleiten, brach und donnerte zu Tale.

Schneehöhen der letzten 30 Jahre am 01. Juli (Daten: ZAMG, Grafik wetterblog.at)

250 zu 0
Wenige Tage später, am 06. Juli 2022: Am hohen Sonnblick in den Salzburger Tauern auf rund 3100 Meter Seehöhe – hier oben thront eines der wichtigsten und ältesten Gebirgsobservatorien der Welt – wird frühmorgens keine Schneedecke mehr gemeldet. In guten Jahren hält sich das ganze Jahr über Schnee, im Zuge des Klimawandels ist so ein Glücksfall freilich selten geworden. Doch Anfang Juli sollten in dieser Höhe noch immer (im Mittel) zwischen 250 und 300 Zentimeter Schnee liegen – heuer war es  am 06. Juli kein einziger mehr. Eine Ausaperung derart früh im Sommer sucht seinesgleichen: Die bisher früheste datierte an einem 13. August (in den Jahren 2003 und 1963) – also über einen Monat später! Den Hochsommer hinweg sollten die Sonnblick-Gletscher – wie auch allen anderen Alpengletscher – nun ungeschützt sein: Eine Schneedecke reflektiert viel vom einfallenden Sonnenlicht (frischer Neuschnee gar bis zu 90 %), wohingegen die dunklere Gletscheroberfläche (wie auch blanker Fels) im Vergleich viel absorbiert, sich erwärmt und nun zusätzlich zum Schmelzprozess beiträgt – wohlgemerkt zum Zeitpunkt des Quasi-noch-Sonnenhöchststandes.

Gletscher-Super-GAU
Der heiße Sommer hat die Schnee- und Gletscherschmelze freilich befeuert, war aber im Grunde nur Krönung dessen, was bereits Monate zuvor seinen Anfang nahm: Im extrem trockenen und sonnigen März 2022 – also zu einem Zeitpunkt, als viele noch “Juhu!” ob des tollen Frühlingswetters geschrien haben – konnten sich zum Beispiel am Hohen Sonnblick gerade mal 7 cm Neuschnee summieren; ein gewöhnlicher März bringt es hier oben auf stolze 262 cm (entspricht einem Minus von 97 %). Kein Monat abseits des Sommers brachte am Sonnblick seit Messbeginn jemals weniger Neuschnee! Fällt euch was auf? Richtig – der März-Ausfall entspricht so ziemlich genau jener Menge, die uns Anfang Juli nun gefehlt hat. Auf einen halbwegs schneefreudigen April (+9 %) sollte übrigens mit dem Mai dann nicht nur ein weiterer schneearmer Monat (-53 %) folgen, sondern auch noch ein rekordwarmer: Erstmals seit Beginn der Temperaturaufzeichnung 1886 bilanzierte ein Frühlingsmonat auf 3100 Meter mit einer nicht negativen Monats-Mitteltemperatur.

Monat 2022 Mittel 1991 – 2020 Abweichung
März 7 cm 262 cm -97 %, Negativrekord
April 260 cm 238 cm +9 %
Mai 86 cm 183 cm -54 %
Juni 51 cm 90 cm -43 %
Juli 25 cm 45 cm -44 %
August 0 cm 41 cm -100 %

Giftige Wüstengrüße
Zu allem Übel kam im März auch noch ein Saharastaub-Ereignis der Sonderklasse – so schön es auch anzusehen war, für Gletscher sind solche Wüstengrüße Gift; die weiße Schneeoberfläche verfärbt sich bräunlich, was wiederum (des geänderten Reflexionsvermögen wegen) die Schmelze fördert. Die Ausgangslage war also aufgrund der erwähnten Faktoren eh schon die denkbar ungünstigste, der überdurchschnittlich warme (und damit ebenfalls schneearme) Sommer sorgte nur noch für den Todesstoß: Marmolata oder Sonnblick – das Jahr 2022 hat das Antlitz unserer Bergwelt für immer verändert und kommt einer klimatologischen Zäsur gleich. Unsere Gletscher sind unwiederbringlich verloren.

Saharastaub färbte den Himmel im März 2022 in weiten Teilen Europas braun-orange. Ein schaurig-schönes Naturspektakel, aber Gift für Schnee und Eis. Hier Aufnahmen aus Klösterle in Vorarlberg (Quelle: Feratel)

Trockenheits-Marathon
Auch die sommerliche Dürre in den Niederungen fußt im Grunde auf das Ausbleiben dieser enorm wichtigen Frühlings-Niederschläge. Zwei Beispiele: In Graz (Station Universität, Daten seit 1894) wurde beginnend mit 15. Feber 43 Tage lang (bis zum 29. März) kein Niederschlag gemessen – noch nie in der langen Grazer Messgeschichte gab es im Frühjahr eine längere Trockenperiode, die bis dato längste kam auf 36 Tage im Jahre 1938. Eine ähnliche Bilanz in Innsbruck (Station Universität, Daten seit 1877) mit 32 Tagen in Folge ohne Niederschlag (27. Feber – 30. März), womit der alte Rekord um mehr als eine Woche übertroffen wurde (24 Tage im Jahre 1894). Da just der letzte Märztag dann doch endlich was vom kostbaren Gut herausrückte, konnte ein Niederschlags-Totalausfall gerade noch so verhindert werden: Der März 2022 bilanzierte mit einem österreichweiten Minus von 73 % als der dritttrockenste seit Messbeginn 1858.

Zur Verteidigung des Sommers
Nun wäre ja ein sehr trockener Monat allein noch kein allzu großes Drama, wenn aber zuvor und danach ebenfalls die Niederschläge ausbleiben, muss das irgendwann Auswirkungen haben. Von September 2021 bis Mai 2022 konnte sich österreichweit ein Niederschlagsminus von 25 % aufbauen, und damit eines der größten der Messgeschichte Österreichs (seit 1859). Lediglich fünf Mal waren Herbst, Winter & Frühling zusammen ähnlich trocken wie heuer (zuletzt 1997/98 mit -24 %) und nur ein einziges Mal trockener (1948/49 mit -27 %). Wir sind somit denkbar ungünstig in die heiße Jahreszeit gestartet; die Folgen davon – niedrige Grundwasserpegel und Wasserstände an Flüssen und Seen, Trockenstress in Natur und Landwirtschaft, Ernteeinbußen, Waldbrände – hat der Sommer selbstredend weiter verschärft, doch unterm Strich nicht verursacht!

Sommer-Niederschlagsabweichung in % zum Klimamittel 1981-2010 (Quelle: ZAMG)

Zwar glänzten auch die folgenden Monate nicht gerade mit Niederschlagsreichtum (in der österreichweiten Sommer-Gesamtbilanz steht ein Minus von 15%), doch Sommer dieses oder gar noch trockeneren Kalibers gab es in den letzten Jahren häufig: 2019 fehlten gar ein gutes Drittel der Sommerniederschläge (-30 %), 2018 ein Fünftel (-19 %), 2015 (-25 %), 2013 (-22 %) und 2003 (-24 %) je ein Viertel. Dürre ist leider häufig der Hitze Schwester, und der heurige Sommer war nun mal sehr heiß – ein Umstand, der sich im Zuge des Klimawandels weiter verschärfen wird. Und in Kombi mit ebenfalls aus der Reihe tanzenden Jahreszeiten-Kollegen fatale Folgen haben kann.

  Tage mit > 1 mm
Tage mit > 10 mm
Ort 2022 Mittel
2022
Mittel
Wien – Hohe Warte 23 26,8 4 6,3
St. Pölten 34 30,6 13 8,8
Eisenstadt 29 26,4 3 7,0
Linz 32 34,5 10 9,6
Salzburg – Flughafen 34 43,0 18 17,0
Innsbruck – Universität 35 39,9 14 12,5
Bregenz 36 40,8 17 18,1
Graz – Universität 24 31,8 8 11,8
Klagenfurt 28 30,9 5 11,9

Der Zicksee im burgenländischen Seewinkel ist heuer komplett ausgetrocknet, eine Aufnahme vom Juli 2022 (Quelle: Daniel Schrott)

Das Drama im Burgenland
Wir schreiben den 18. Juli 2022: Der Neusiedler See erreicht einen historischen Wassertiefststand. Nach einem niederschlagsarmen Winter ist die Wasserhöhe bereits im März auf Rekordwerte zurückgegangen, der Frühling brachte aufgrund der bereits erwähnten Trockenheit keinerlei Entspannung. Für einen Steppensee, der fast ausschließlich von Niederschlägen zehrt, ein Drama: Im Sommer geht der Wasserstand aufgrund der höheren Verdunstungsrate grundsätzlich zurück – heuer, der ewigen Hitze wegen, besonders stark. Rein rechnerisch wäre gar eine Quasi-Austrocknung des gesamten Sees möglich gewesen, ein Schicksal, das den benachbarten (kleineren) Zicksee heuer bereits ereilt hat. Auch tiefere Seen im Salzkammergut (zum Beispiel der Wolfgangsee), ja selbst der Bodensee (!) sind ihren historischen Tiefstständen zumindest nahe gekommen.

Der Wasserstand am Neusiedler See (B): Bereits im März sind wir auf einen für die Jahreszeit historischen Tiefststand gerutscht, im Hochsommer hat sich die Lage (saisonbedingt) weiter verschärft (Quelle: Wasserportal Burgenland).

Der Neusiedler See – mittig markiert als “gegenwärtig ausgetrocknet” – auf einer Karte der Franzisco-Josephinischen Landesaufnahme um das Jahr 1870 (Quelle: Wikipedia, gemeinfrei)

Einschub: Der Neusiedler See
An dieser Stelle sei angemerkt: Es geistert immer wieder die Nachricht herum, der Neusiedler See sei zuvor auch schon ausgetrocknet gewesen, also alles halb so schlimm. Dabei handelt es sich um die klassische Halbwahrheit: Richtig ist, dass der Neusiedler See Schwankungen unterworfen ist und in der Geschichte auch schon (vorübergehend) ausgetrocknet war – im Grunde das Wesen eines Steppensees, der auf Niederschläge angewiesen ist. Zuletzt geschah das in den 60er und 70er Jahren des 19. Jahrhunderts – die Situation damals ist allerdings mit der heutigen kaum noch zu vergleichen. Österreich besitzt zum Glück sehr lange meteorologische Messreihen, die genau diese Phase des letzten Austrocknens noch beinhalten: Damals gab es wiederholt extrem trockene Sommer, der bis heute österreichweit trockenste datiert sogar aus dem Jahre 1873 mit einem Minus von 33%, auch 1868 (-30 %) oder 1867 (-26 %) stechen da heraus – zum Vergleich: der heurige liegt bei -15%.  Anders als im 19. Jahrhundert befinden wir uns heute allerdings klimawandelbedingt auf einem anderen Temperaturniveau; die Sommer damals waren zwar niederschlagsarm, in Relation aber kühl. Die Austrocknung(en) einst ist (sind) also hauptsächlich dem Ausbleiben von Niederschlägen geschuldet, wohingegen jetzt die immer weiter ansteigende Temperatur (und damit einhergehend eine höhere Verdunstung) zum Treiber wird – das hat übrigens schon bei gleichbleibenden Niederschlagsmengen negative Auswirkungen, mit ausbleibenden aber umso größere.  

Große Trockenheit im Sommer 2022 führte zu Ernteeinbußen von bis zu 80%! Eine Aufnahme aus dem Burgenland im August 2022.

Von Flüssen und Waldbränden
Auf europäischer Ebene war die Situation teils noch dramatischer: Flüsse wie Rhein (Deutschland), Seine (Frankreich), Loire (Frankreich), Themse (England) oder Po (Italien) waren (und sind teils noch immer) streckenweise lediglich Rinnsale ihrer selbst, viele Landstriche Europas waren mit Dürre konfrontiert (nach Angaben der Dürrebeobachtungsstelle der Europäischen Kommission unvorstellbare 47 % der Fläche in der Europäischen Union!), in vielen Ländern Waldbrände enormen Ausmaßes – doch wie schon zuvor bei den Gletschern zuvor gilt: Der Sommer 2022 hat die Situation freilich verschärft, doch war er nicht Auslöser; große Flüsse (wie auch tiefe Seen) reagieren nicht innerhalb weniger Wochen. Nur in Kombi mit der Vorgeschichte konnten die Folgen derartige, teils besorgniserregende Ausmaße annehmen – schön zu sehen an der Anzahl der Waldbrände in Europa: Der Sommer verantwortet zwar eine starke Waldbrandsaison, herausragend aber war der Frühling.

Die Anzahl der Waldbrände in Europa pro Woche (links) und kumuliert (rechts). Der Sommer brachte eine starke Waldbrandsaison, doch statistisch auffällig war der Frühling (Daten: Copernicus Emergency Management Service)

Sommerparadoxie
Zum Quasi-Pflichtprogramm eines Sommers im 21. Jahrhunderts gehören mittlerweile auch leider Unwetter; bereits in den letzten 30 Jahren haben gerade im Sommer Tage mit starken oder extremen Niederschlägen um 10 – 30 % zugenommen (im Vergleich zum Ende des 20. Jahrhunderts), wohingegen Tage mit schwachen oder moderaten Niederschlägen im gleichen Zeitraum abgenommen haben – der paradoxe Umstand, dass unsere Sommer einerseits immer längeren Trockenperioden bringen, andererseits aber auch immer häufiger große Regenmengen (und damit häufig Überflutungen und Muren), ist damit erklärt. Der physikalische Hintergrund zusammengefasst: Wärmere Luft kann mehr Wasserdampf aufnehmen, Faustregel 7 % pro Grad (bei Gewittern auch bis zu 10 %). Gleichzeitig aber hinkt dieser größeren Aufnahmekapazität die Verdunstungsrate hinterher, die legt lediglich um 4 % pro Grad Erwärmung zu. Kurzum: Es braucht länger, bis die Speicher voll sind; wenn sie das dann aber sind, steht auch mehr ausfällbares Wasser zur Verfügung. Drei Unwetterlagen des heurigen Sommers möchte ich nun stellvertretend erwähnen – sie alle waren in ihrer Heftigkeit Musterbeispiele einer sich wandelnden Welt und sollten daher als eindringliche Warnung für unser aller Zukunft dienen.

Änderung der Tage mit bestimmten Regenmengen in Österreich, Vergleich der Periode 1991-2020 zu 1961-1990. Die Einteilung erfolgt in Perzentilen, in der Gruppe “extrem” sind zum Beispiel alle Fälle enthalten, die größer als 98% aller Ereignisse sind (schwach <30 pct, moderat 30-60 pct, beträchtlich 60-90 pct, stark 90-95 pct, sehr stark 95-98 pct, extrem >98 pct). Daten: Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik, Grafik: wetterblog.at

Beispiel 1: Die Luftmassengrenze
Ende Juni 2022: Eine sogenannte Luftmassengrenze trennt Österreich in eine heiße Ost- und kühle Westhälfte. An solchen Trennlinien kommt es gerne mal zu heftigen Gewittern, wenn diese auch noch an Ort und Stelle verweilen (sich also nicht verlagern), wird’s problematisch. So geschehen am Abend des 28. Juni: Ein quasi-stationäres Gewitter tobt über den Bezirk Villach-Land und verwüstet den Ort Treffen am Ossiacher See schwer. Im benachbarten Arriach (der nächstgelegenen Wetterstation) wird mit 145 mm in nur 24 Stunden nicht nur ein Stationsrekord verzeichnet (Daten seit 1990), sondern gleich mal die dritthöchste Tagesniederschlagssumme aller Sommermonate aller Stationen in Kärnten (Rekord: 153 mm in Feistritz im Rostental im August 1970). Einen Sturmrekord mit 128,5 km/h gabs in Arriach oben drauf (alter Rekord: 122 km/h im Juli 2015).

Aufräumarbeiten in der Ortschaft Treffen am Ossiacher See (Kärnten) nach den Juni-Unwettern am 29. Juni 2022 (Quelle: ATV)

Beispiel 2: Die Unwetterfront
Mitte August 2022: Ein Höhentief dreht sich über den Pyrenäen; solche Druckgebilde sind einerseits im Sommer eher ungewöhnlich (aufgrund ihrer Genese eher in den Übergangsjahreszeiten Frühling und Herbst anzutreffen), andererseits ein prognostischer Alptraum, da sie (im Gegensatz zum klassischen Tiefdruckgebiet) von Wettermodellen nur schwer erfasst werden (anders als der Name nämlich vermuten lässt, wandern Höhentiefs mit der Bodenströmung). Eines aber kann man sich merken: Höhentiefs labilisieren ungemein; in Kombination mit einem außergewöhnlich warmen Mittelmeer ein Pulverfass. Ausgehend von den Balearen entwickelte sich ein Unwettercluster, der in Folge mit einem Heidentempo über Korsika (Spitzenböen von bis zu 225 km/h!) und die Toskana zog, in Folge auch Österreich querte und selbst Tschechien noch erreichte. Eine derartig langlebige Unwetterfront (rund 1600 zurückgelegte Kilometer) ist extrem selten (Hintergründe und weiterführende Informationen in einem hervorragenden Artikel meines Kollegen Felix Welzenbach), in Österreich war sie eine der heftigsten der letzten Jahrzehnte, brachte von Kärnten bis Niederösterreich zahlreiche Sturmrekorde, zog eine Spur der Verwüstung und forderte 5 Menschenleben. Die höchste Windgeschwindigkeit wurde dabei in der Steiermark gemessen mit 139 km/h in Neumarkt – in der gesamten Steiermark findet sich in keinem Sommermonat etwas höheres (bisheriger Rekord: 131,8 km/h in Zeltweg, Juni 2017).

Blitzanimation der Unwetterfront vom 18. August 2022 (Quelle: Twitter / @USStormwatch)

Die höchsten Windböen im Zuge der Unwetterfront am 18. August 2022:

Ort 2022 Rekord
Platzierung
Neumarkt / ST 139,0 km/h 100,4 km/h ( Juni 2022) Rekord
Mooslandl / ST 124,2 km/h 114,1 km/h (März 2008) Rekord
Leoben / ST 117,0 km/h 105,2 km/h (Juli 2013) Rekord
Kapfenberg / ST 112,0 km/h 84,6 km/h (Juni 2003) Rekord
Deutschlandsberg / ST 110,5 km/h 124,9 km/h (Dez 2017) 2t-höchste Windböe, höchste im Sommer
Preitenegg / K 103,7 km/h 111,6 km/h (Dez 1992) 4t-höchste Windböe, höchste im Sommer
St. Andrä im Lavanttal / K 103,0 km/h 100,8 km/h (Mai 1999) Rekord
Feistritz ob Bleiburg / K 99,4 km/h 94,7 km/h (März 2008) Rekord
Völkermarkt / K 92,9 km/h 82,4 km/h (Juli 2020) Rekord
Gleisdorf / ST 91,4 km/h 92,9 km/h (Juli 2012) 2t-höchste Windböe (absolut + Sommer)
Pottschach / NÖ 88,6 km/h 111,2 km/h (März 2014) 8t-höchste Windböe, 2t-höchste im Sommer

Beispiel 3: Das Höhentief
Einen Tag später, 19. August 2022: Ein zweites Höhentief greift ins Wettergeschehen ein, diesmal an der Alpennordseite. In Vorarlberg setzt stundenlanger Starkregen ein; in unserem westlichsten Bundesland nichts Ungewöhnliches, gerade der Bregenzerwald wie auch das anschließende Tiroler Außerfern sind (orographisch bedingt) große Niederschlagsmengen gewohnt. Doch irgendwas war diesmal anders: Die größten Mengen summierten sich nicht etwa in den bekannten Stauregionen, sondern im Rheintal. In Bregenz etwa 174 mm Regen in nur 6 Stunden – der alte Rekord wurde dabei regelrecht geflutet, dieser hielt bei 100 Litern weniger (76 mm zum Monatswechsel August/September 2002). In 24 Stunden steigerte sich die Summe auf 212 mm – österreichweit (!) die zweithöchste Tagesniederschlagssumme der Messgeschichte (Rekord: Loiblpass (K) mit 233 mm im Jahr 2009). Die Regenraten suchten an diesem Tag ihresgleichen, egal ob Stunden-, 6-Stunden-, 12-Stunden-, 24-Stunden- oder 48-Stundenmenge: Kein Rekord, den Bregenz (wie im Übrigen auch Feldkirch und Dornbirn) an diesem Tag verfehlt hätte! Der überdurchschnittlich warme Bodensee hat hier sicherlich – wie schon tags zuvor das außergewöhnlich warme Mittelmeer – sein Scherflein dazu beigetragen; dass nur Dank der monatelangen Trockenheit zuvor Schlimmeres verhindert wurde, grenzt schon wieder fast an Zynismus.

Bregenz Messbeginn: Tagesdaten 1930, Stundendaten 1993
  1 Stunde 6 Stunden 12 Stunden
24 Stunden
48 Stunden
19.08.2022 72,7 mm 173,9 mm 205,3 mm 212,2 mm 241,2 mm
Rekord 44,9 mm
Juni 2015
76,1 mm
September 2002
98,6 mm
Juni 2013
173,7 mm
Juli 1968
208,7 mm
Juni 2013

Des Junis Hochsommerattitüden
Es gäbe noch viele weitere erwähnenswerte Unwetterereignisse in diesem Sommer, sie alle hier aufzuzählen, würde allerdings den Rahmen sprengen (auf meinem Twitter-Account versuche ich stets, Herausragendes festzuhalten). Widmen wir uns nun also der Temperatur: Nach einem eher gemäßigten Start fuhr der Sommer in der dritten Juniwoche die erste von fünf Hitzewelle auf und verschenkte 35 Grad wie die warmen Semmeln: Mit Ausnahme der Steiermark wurde in allen Bundesländern an insgesamt 4 Tagen der 35er geknackt, Vorarlberg erlebt am 19. d. M. überhaupt gleich mal den heißesten Junitag seiner Messgeschichte: 36,5 Grad in Feldkirch (alter Rekord: 36,2 Grad im Juni 1950, ebenda). Temperaturen von 35 Grad und mehr waren im Juni mal selten, mittlerweile gehören sie zum guten Ton; der Frühsommermonat von einst ist mittlerweile zum dritten Hochsommermonat mutiert. In keiner anderen Landeshauptstadt ist dieser Umstand deutlicher zu sehen bzw. spüren, wie in Innsbruck (T): Von Messbeginn 1877 bis 2000 wurde in der Tiroler Landeshauptstadt im Juni lediglich 3 Mal die 35-Grad-Marke geknackt. In den letzten 10 Jahren bereits 11 Mal. Klimawandel wie er leibt und lebt.

Des Hochsommers Gegenschlag
Wenn freilich der Juni schon mit 35 Grad um sich schmeißt, hat der eigentliche Hochsommer noch mehr zu bieten – alles andere wäre ja für Juli und August eine Schmach. Und so kam es, wie es kommen musste: Der Hochsommer hat großzügig draufgelegt, an 5 Tagen wurde die 37-Grad-Marke geknackt mit einem absoluten Höchstwert von 38,7 Grad, gemessen in Seibersdorf (NÖ) am 05. August. Temperaturen dieser Größenordnung sind zwar im Hochsommer gerade im östlichen Flachland nicht ungesehen, dennoch muss an dieser Stelle erwähnt werden: Dass irgendwo in Österreich mehr als 37 Grad gemessen werden, ist im 20. Jahrhundert gerade 1 Mal pro Jahrzehnt vorgekommen. Jetzt im 21. Jahrhundert passiert dergleichen schon 2 Mal pro Jahr – das Auftreten solch extremer Temperaturen hat sich also mittlerweile verzwanzigfacht! In manchen Jahren – wie heuer – passiert das auch öfter. In extremen Jahren – wie 2015 – sogar wochenlang (an insgesamt 15 Tagen, Rekord). Klimawandel, wie er leibt und lebt, die Zweite.

Zunahme extremer Tropennächte in Wien (Innere Stadt)

Sommernachtsalpträume
Die Hitze tagsüber geht nur allzu oft Hand in Hand mit kaum noch abkühlenden Nächten; in der Wiener Innenstadt gab es in diesem Sommer 26 Tropennächte – fast lächerlich, der Mittelwert liegt bei 20, der Rekord gar bei 40 (Sommer 2019). Eine Tropennacht ist allerdings über die 20-Grad-Marke definiert; was wenn die Temperatur nicht mehr unter 25 Grad – und damit der Marke für einen SommerTAG – absinkt? So geschehen am 23. Juli – ein nächtlicher Tiefstwert von nur noch 25,7 Grad am Wiener Karlsplatz! Derart warme Nächte hat Wien zwar schon erlebt, die Zunahme solcher ist allerdings erschreckend: Mittlerweile muss man praktisch jährlich zumindest einmal damit rechnen – Tendenz stark steigend. Tropennächte sind übrigens längst kein reines Wien-Phänomen mehr, auch andernorts steigt das Niveau stark an – zum Beispiel in Graz (ST): Sowohl Juni als auch Juli haben in diesem Sommer rekordwarme Nächte geboten, dass der August dann auch die zweitwärmste Augustnacht der Stadt nachschmeißt, war schließlich nur noch reine Formsache. Übrigens hat Graz auch schon im Mai zuvor (am 21. d. M.) die wärmste Mainacht hingelegt, aber das nur nebenbei erwähnt. Klimawandel, wie er leibt und lebt, die Dritte.

Graz Messbeginn: Universität 1894, Straßgang 2007, Flughafen 1950
  2022 Datum & Station (alter) Rekord
Jahr & Station
Mai 19,0 Grad 21.05. / Straßgang 18,5 Grad 2017 / Universität
Juni 23,4 Grad 28.06. / Straßgang 22,4 Grad 2000 / Flughafen
Juli 23,3 Grad 26.07. / Universität 23,0 Grad 2012 / Straßgang
August 22,1 Grad 06.08. / Straßgang 22,3 Grad 2021 / Straßgang

Hitze-Schlussrechnung
Unterm Strich verbucht dieser Sommer eine enorme Anzahl heißen Tagen: Besonders hitzefreudig zeigte sich Eisenstadt (B) mit 33 Tagen von mehr als 30 Grad (+72 %), gefolgt von Klagenfurt (K) mit 31 (+67 %). Bregenz (V) konnte mit 17 Tagen (+102 %) sein Soll überhaupt verdoppeln – und doch entspricht der heurige Sommer so ziemlich dem, was wir aus den letzten Jahren schon kennen: 2019, 2018, 2017, 2015, 2013, 2003 – sie alle brachten gleich viele oder gar mehr heiße Tage. Hitze-Sommer sind leider längst zur Regel geworden, Hitze-Rekorde deshalb auch unerreicht. Allerdings: Der heurige Sommer war praktisch durchgehend warm; Abkühlungen zwischendurch konnten die Temperatur lediglich auf ein der Jahreszeit entsprechendes Niveau drücken – kühl oder gar kalt war es zu keinem Zeitpunkt. Ergebnis: In Wien, Salzburg, Innsbruck, Bregenz und Klagenfurt wurde die zweithöchste Anzahl an Sommertagen (also Tagen mit mindestens 25 Grad) der jeweiligen Messgeschichte verzeichnet, in Eisenstadt mit 79 Sommertagen gar der bisherige Rekord eingestellt.

Ort 2022 Mittel 1991-2020
Abweichung Rekord
Eisenstadt 34 19,2 +77 % 38 / 2015
Klagenfurt 31 18,5 +67 % 37 / 2003
Wien – Hohe Warte 30 18,8 +60 % 40 / 2015
Innsbruck – Universität 28 19,7 +42 % 43 / 2015
Graz – Universität 26 16,0 +62 % 38 / 2003
St. Pölten 25 16,7 +50 % 40 / 2015
Linz 19 14,0 +36 % 39 / 2015
Salzburg – Freisaal 18 13,3 +35 % 40 / 2015
Bregenz 17 8,4 +102 % 29 / 2015

Climate history has been written
Der Sommer kann damit gar nicht anders, als sich in der 255-jährigen Messgeschichte Österreichs weit vorne einzureihen: Mit einer Abweichung von +1,6 Grad sichert er sich Platz 4. Bedenkt bitte, dass sich diese Abweichung bereits auf das neue Klimamittel 1991-2020 bezieht – darin enthalten sind ja schon durch die Bank alle heißen Sommer der Vergangenheit; anders ausgedrückt: Selbst für einen Sommer des 21. Jahrhunderts war der heurige extrem, wenn auch längst nicht mehr alleinstehend. Und dabei sind wir noch mit blauem Auge davon gekommen, wie der Blick nach Westeuropa zeigt: Am 19. Juli wurden erstmals selbst auf den Britischen Inseln 40 Grad gemessen und damit die Hitze-Rekorde regelrecht pulverisiert, unter anderem in London mit 40,2 Grad (alter Rekord: 38,1 Grad, 11. August 2003). Die Hitze hat es in Folge über Frankreich und die Benelux-Länder bis nach Norddeutschland geschafft: 40,1 Grad in Hamburg (!) am 20. Juli, der alte Rekord wurde auch hier um mehrere Grad überboten (alt: 37,3 Grad, 09. August 1992) – mit Ausnahme von Russland hat es die 40-Grad-Zone in Europa noch nie so weit nördlich geschafft, wie heuer. Lasst euch das bitte auf der Zunge zergehen: 40 Grad in London und Hamburg! Das hats bislang noch nicht mal in Wien gegeben (Rekord 39,5 Grad, 08. August 2013).

Die heißesten Sommer Österreichs seit 1767 (Abweichung vom Mittel 1991-2020).

2022 2003 2019 2015 2017 2018
Platz 4 
wärmster Sommer 2t-wärmster Sommer 3t-wärmster Sommer 5t-wärmster Sommer 6t- wärmster Sommer
Juni +3,3° +4,3° +4,6° +1,3° +3,1° +1,8°
Juli +1,8° +0,9° +1,5° +3,0° +0,9° +1,2°
August +1,5°
+3,5° +1,9° +2,7° +2,0° +2,6°
Gesamt +2,2° 
+2,9°
+2,7° +2,4°
+2,0°
+1,9°

Hinweis: Für die Monatsbilanz wird der SPARTACUS-Datensatz (Klimamittel 1981-2010) verwendet, weshalb die Abweichungen variieren (vgl. dazu den Reiter “Sommer – Hitparade”). Dies ändert nichts an der Platzierung. 

Abschluss-Appell
Nach der historischen Hitze 2019 in Westeuropa und jener 2021 in Süd- und Osteuropa folgte heuer eine in West- und Nordeuropa – es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis uns da die Himmelsrichtungen ausgehen und es Mitteleuropa voll erwischt. Österreichs Hitzerekord hält nach wie vor bei 40,5 Grad, aufgestellt im Jahre 2013 in Bad Deutsch-Altenburg (NÖ). Nicht nur, dass das Fallen desselbigen schon höchst überfällig ist, lehrt uns der Vergleich – siehe London und Hamburg, oder letztes Jahr Kanada -, dass Hitzerekorde nicht mehr nur um wenige Zehntel Grad überboten werden, oh nein. Sie werden gleich um mehrere Grade zerschmettert. Ob es nächstes Jahr so weit sein wird? Möglich. Fix aber ist: Unsere Sommer haben sich gewandelt. Sie sind heißer geworden, trockener, extremer. Und können – gerade in Kombination mit ebenfalls aus der Reihe tanzenden Vorjahreszeiten – Österreich, ja ganz Europa für immer verändern. Unsere Welt ist im Wandel. Kämpfen wir gemeinsam dagegen an!

PS: Wie immer bin ich allen dankbar, die vorab genötigt werden, meine Bilanzen gegenzulesen – vor allem Thomas Kumpfmüller (AustroControl) und Thomas Rinderer (ORF). Auch Alexander Orlik, Klimatologe meines Vertrauens an der ZAMG, sei einmal mehr für den vielen Input und die vorab ausufernden Diskussionen gedankt!

0 Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

An der Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.