Sommer 2021: Historisch blaues Auge

Hinweis: Wenn im Text nicht anders angeführt, findet in diesem Artikel die Klimanormalperiode 1981 – 2010 Verwendung. 

Warmes Veilchen
Ein historischer Sommer geht zu Ende, auf der gesamten Nordhalbkugel machten Hitze, Trockenheit und Unwetter zu schaffen. In Österreich waren für viele die durchwegs heftigen Gewitter prägend, für andere die über Wochen anhaltende Dürre. Klimatologisch herausragend war am Ende beides, da wie dort wurden Rekorde aufgestellt. Doch egal ob nass oder trocken: Mit Platz 8 der wärmsten reiht sich wieder ein Sommer weit vorne in die österreichische Messgeschichte. Und wir müssen darüber auch noch froh sein, sind wir doch – angesichts der historischen Hitze in weiten Teilen Europas – gerade noch mit dunkelblauem Auge davongekommen! Eine Bilanz zum Sommerende.

Der unterkühlte Mai 2021 in Zahlen: Tage mit Temperaturen über 20 Grad waren selten, in vielen Landeshauptstädten gar die geringste Zahl seit 1991.

Frühlings-Hexenwerk?
Um fair zu beginnen: Die Erwartungen an den Sommer 2021 waren hoch, schließlich galt es, die vermeintlichen Verfehlungen des Frühlings auszugleichen – der kühlste in Österreich seit 1987 und damit 34 Jahren.  Besonders der Mai wollte da überhaupt nicht in die Gänge kommen! Was mittlerweile eine kleine klimatologische Sensation darstellt, wurde von der Mehrheit verteufelt – besonders Medien waren hier an vorderster Front aktiv. Bloß: Der Frühling ist (neben dem Winter) jene Jahreszeit, die besonders stark auf den Klimawandel reagiert; in den letzten 40 Jahren ist das Temperaturniveau im Mittel um 2 Grad angestiegen. Der Frühling 2021 (mit einer Abweichung von -1,3 Grad) hat es also lediglich gewagt, so zu sein, wie viele seiner Vorgänger im 20. Jahrhundert noch waren. Sich darüber zu echauffieren – ungeachtet der persönlichen Präferenz (wer hat es nicht gerne warm im Frühling?) – zeigt einmal mehr die Scheinheiligkeit unserer Gesellschaft.

Diametraler Richtungswechsel 
Die Sorge, der Sommer könnte den Frühlingsspompanadeln nacheifern wollen, war anfangs zumindest noch gerechtfertigt und ehrlicherweise auch nicht ausgeschlossen. Doch änderte sich die Großwetterlage mit Jahreszeitenwechsel praktisch schlagartig: Aus den andauernden feucht-kühlen Nord-, Nordwestlagen (die sogar noch im Mai am Stadtrand Wiens Nachtfrost brachten!) wurden teils föhnige Südwestlagen, die ihrerseits (mit Unterbrechungen) den ganzen Sommer anhielten und von Beginn an für ein hohes Temperaturniveau sorgten. Bereits der erste Sommermonat hat damit eindrucksvoll gezeigt, dass seine Zeiten als harmloser Frühsommermonat längst passé sind und er sich mehr und mehr als ausgefuchster Hochsommermonat etabliert hat: War in den Junimonaten des 20. Jahrhundert Hitze (Tage mit ≥ 30 Grad) noch eher selten, performte der heurige (mit Ausnahme Salzburgs) gleich mal auf Rekordniveau und brachte damit teils mehr 30-Grad-Tage, als Ende des 20. Jahrhunderts noch ein gesamter durchschnittlicher Sommer. Bäm oida!

Ort 2021 Sommer-Mittel 1971 – 2000 Juni-Rekord
Bregenz 5 Tage 3 Tage 10 / 2019
Eisenstadt 11 Tage 12 Tage Rekord eingestellt
Graz – Universität 10 Tage 7 Tage 12 / 2003
Innsbruck – Universität 10 Tage 10 Tage 17 / 2019
Klagenfurt – Flughafen 9 Tage 9 Tage 12 / 2019 + 2006
Linz 8 Tage 8 Tage 11 / 2019
Salzburg – Flughafen 4 Tage 8 Tage 8 / 2019 + 1935
St. Pölten 9 Tage 11 Tage 14 / 2019
Wien – Hohe Warte 10 Tage 11 Tage 12 / 2019

Hochsommer-Attitüden
Dass der Juni doch so viel lieber ein Hochsommer-Monat wäre, und nicht selten die höchsten Temperaturen des gesamten Jahres bringt, zeigt auch schön der Trend der letzten Jahre: Unter den zehn wärmsten Junis der österreichischen Messgeschichte (seit 1767) reihen sich nicht nur 8 aus dem 21. Jahrhundert, oh nein! Jene der jüngsten Vergangenheit waren in Österreich gar die relativ wärmsten Sommermonate überhaupt! Besonders auffällig: Immer häufiger knacken wir schon zeitig im Sommer die 35-Grad-Marke – verglichen mit dem Juni 2019 (sage und schreibe 176 mal!) war der heurige mit bloß acht 35er-Meldungen zwar ein Lercherlschas, wohin die Reise geht, ist jedoch eindeutig: Es gibt mittlerweile kaum noch Juni, in denen nicht zumindest einmal irgendwo im Land der 35er geknackt wird. Und dieser Trend zu immer mehr heißen (≥ 30 Grad) wie sehr heißen Tagen (≥ 35 Grad) führt nun (no na) unweigerlich dazu, dass auch Hitzewellen häufiger und länger werden; gebietsweise brachte der Juni 2021 die längste Serie an 30-Grad-Tagen am Stück – wie in Innsbruck (Messbeginn 1877) oder Linz (Messbeginn 1948).

35-Grad im Juni

Zunahme der 35-Grad-Meldungen im Monat Juni. Ab etwa 1970 ist die Stationsdichte mit er heutigen vergleichbar.

Juni-Rekord-Dürre
Bei so viel Hitze-Einsatz darf es nicht verwundern, wenn sich der Juni am Ende ganz vorne in die Österreich-Hitparade einreiht – nach 2019 und 2003 auf Platz 3. Und trotz lokal heftiger Gewitter war der Juni auch noch außerordentlich sonnig (nach 2019 der sonnigste seit Messbeginn 1925) und trocken – mit einem österreichweiten Niederschlagsminus von 38 % bilanziert der Juni 2021 als einer der 15 niederschlagsärmsten seit Messbeginn 1857 (der absolut trockenste auch hier wieder 2019 mit -57 %).

Juni-Niederschlagsabweichung [in %] zum Klimamittel 1981-2010 (Quelle: ZAMG)

Vor allem im Osten war die Trockenheit teils dramatisch: In der Bundeshauptstadt (Station Hohe Warte) fiel 30 Tage lang (von 25. Mai weg) kein nennenswerter Niederschlag – einer der längsten Trockenperioden im Sommerhalbjahr der Wiener Messgeschichte. Der gesamte Juni brachte der Stadt in Summe nur 9 mm Niederschlag, das entspricht einem Minus von 90% – gerade der Osten ist ja Trockenheit gewohnt, dermaßen wenig Niederschlag aber für die allermeisten ungesehen: In Wien bilanziert der Juni 2021 als der dritt-trockenste Sommer(!)monat seit Messbeginn 1841 (nach dem Juli 1983 mit 6 mm und dem Juni 1917 mit 8 mm), die noch junge Station Podersdorf am Ostufer des Neusiedler Sees (B, Messbeginn erst 2014) schaffte mit gar nur 2 mm (-97 %) den traurigen Negativrekord der geringsten Juni-Niederschlagsmenge aller Stationen in Österreich überhaupt (bisheriger Negativ-Rekordhalter: Münchendorf (NÖ) mit 4 mm im Juni 1962).

Juni-Rekord-Niederschläge
Dass der Juni 2021 nicht auch österreichweit zum trockensten wurde, ist einzelnen heftigen Gewitterereignissen geschuldet. Zwei niederösterreichische seien an dieser Stelle besonders erwähnt: Am 06. Juni gingen etwa in St. Pölten gleich mehrere Gewitter nieder, die der niederösterreichischen Landeshauptstadt in nur 12 Stunden den gesamten durchschnittlichen Juni-Monatsniederschlag brachten (in Summe 92 mm). Rund die Hälfte davon (44 mm) in nur 1 Stunde – St. Pölten-Stunden-Rekord (zuvor: 41 mm/1h im Juli 2016, Hinweis: Bei Stundenanalysen reichen die Niederschlags-Messreihen meist nur bis in die 90er zurück, im Falle St. Pöltens bis 1994). Spoiler an dieser Stelle: Dieser Rekordwert soll in diesem Sommer noch 2 weitere Male erreicht werden! Das zweite Juni-Unwetter-Großereignis, welches zwangsläufig herauszustreichen ist, trat am 24. Juni im Waldviertel auf, und führten in Folge zum verheerenden Tornado in Südmähren in Tschechien. (Da eine genaue Analyse des Tornados das Ausmaß meiner Sommerbilanz sprengen würde, sei an dieser Stelle auf einen hervorragenden Artikel meines Kollegen Felix Welzenbach verwiesen). In Horn (Messbeginn 1936) wurde an diesem Tag mit 85 mm in 24 Stunden nicht nur ein Juni-Niederschlagsrekord (alt: 47 mm / 24 h im Juni 1953), sondern auch ein Allzeit-Rekord (alt: 79 mm / 24 h im August 2010) sowie einer der höchsten Tagesniederschlagssummen ALLER Monate ALLER Stationen im Waldviertel registriert (Rekord: Weitra mit 123 mm / 24 h im August 2002). Quasi nach dem Motto: Wenn schon, denn schon.

Am 24. Juni 2021 zog ein Tornado an der tschechischen Grenze zu Österreich eine Spur der Verwüstung. Im Bild: Der Ort Moravská Nová Vas in Südmähren (Quelle: Wikipedia, CC BY-SA 4.0).

Nachmacher!
Die Gewitter Ende Juni waren der Auftakt zu einer Unwetter-Serie, die in Folge nicht nur den gesamten Hochsommer hindurch andauern sollte, sondern nach und nach auch die meisten Landesteile erfasste und so den in vielerlei Hinsicht extremen Juni rasch vergessen ließ:

Vergleich der Mitteltemperatur [in °C] der Monate Juni und Juli 2021 (Quelle: ZAMG)

Des Sommers Ruf wandelte sich in der Wahrnehmung vieler von heiß-trocken zu kühl-nass. Doch trotz etlicher Starkregenereignisse: Wirklich kalt war auch der Juli zu keinem Zeitpunkt, anders als der Juni hat er es lediglich gewagt, nicht durchgehend, im Falle Vorarlbergs überhaupt nie, heiß zu sein. Dass dem Juli just dieser Umstand zum Verhängnis werden soll, verstehe wer will, Fakt jedoch ist: Obwohl in manchen Landeshauptstädten kaum bis keine 30er gefallen sind, waren Juni und Juli im Flächenmittel so ziemlich exakt gleich warm. Für den Juni hat das noch den dritten Platz bedeutet, der Juli schaffte damit immerhin (aufgrund des generell höheren Temperaturniveaus im Hochsommer) noch Platz 16 (von 254) der wärmsten der österreichischen Messgeschichte.

Ort 2021 Mittel 1981 – 2010 Mittel 1991 – 2020 Zuvor weniger
Bregenz 0 Tage 2 3 0 / 2008
Eisenstadt 9 Tage 7 8 8 / 2020
Graz – Universität 10 Tage 5 7 5 / 2020
Innsbruck – Universität 5 Tage 7 8 5 / 2012
Klagenfurt – Flughafen 10 Tage 6 8 6 / 2020
Linz 1 Tag 5 6 0 / 2000
Salzburg – Flughafen 1 Tag 5 5 1 / 2011
St. Pölten 6 Tage 6 7 4 / 2014
Wien – Hohe Warte 10 Tage 7 8 9 / 2020

Und dann kam Bernd …
Doch in der Wahrnehmung präsenter waren freilich die Unwetter, weshalb ich auch im Falle des Julis zwei Ereignisse herausarbeiten möchte. Das wohl prägendste des gesamten Sommers war jenes Mitte Juli (16.+ 17. d. M.): Bereits zuvor hat es als quasi-stationäres Tief (welches Bernd getauft wurde) in Deutschland enorme Regenmengen und damit einhergehend einer der folgenschwersten Naturkatastrophen der Bundesrepublik gebracht,

Jene Orte, die im Juli 2021 Tagesniederschlagsrekorde verzeichnet haben. Darunter die 48-h-Niederschlagsanalyse (17. & 18. Juli 2021) der ZAMG.

hierzulande wurden in gleich 6 Bundesländern (Wien, Niederösterreich, Salzburg, Steiermark, Tirol und Vorarlberg) Niederschlagsrekorde verzeichnet. Die höchste Niederschlagsmenge an diesem Wochenende wurde dabei in Oberndorf an der Melk (NÖ) gemessen mit 170 mm – 48 Stunden waren ausreichend, um den gesamten Juli unter die nassesten (am Ende wurde er gar der nasseste) der dortigen Messgeschichte (seit 1977) zu hieven! Auch in Kufstein (T) – an diesem Wochenende mit in Summe 163 mm der zweit-niederschlagsreichste Ort des Landes – sind derart nasse 48 Stunden ein historisches Novum (Messbeginn 1938). Entlang der gesamten Alpennordseite kam es zu Überflutungen, Hangrutschungen und Muren, in Salzburg musste Zivilschutzalarm ausgerufen werden (massiv betroffen die Stadt Hallein – vor Ort keine Wetterstation). Zum zweiten Mal in diesem Sommer hatte es auch St. Pölten erwischt: Mit 42 mm in nur 1 Stunde (bzw. 107 mm in 24 Stunden) gelangen der Stadt, wie schon im Juni, die nächsten Rekorde (nach jener vom Juni zweithöchste Stundensumme und nunmehr höchste Tagesniederschlagssumme aller Monate). Und auch Wien hat Geschichte geschrieben: Nach einer der längsten Trockenperioden der Stadt wurde am Abend des 17. Juli 2021 mit 80 mm in nur 3 Stunden (!) die höchste Tagesniederschlagsmenge aller Monate des 21. Jahrhunderts (und die acht-höchste seit Messbeginn 1872) verzeichnet. Von einem Extrem schnurstracks ins andere.

Am 17. Juli 2021 führten heftige Regenfälle zu massiven Überflutungen in Hallein (S). Video: Twitter / @DerMarioO

Analyse des Unwetters in Graz am Abend des 30. Julis 2021.

Der Dritte im Bunde 
Nach St. Pölten und Wien hat übrigens auch eine dritte Landeshauptstadt im Unwetter-Reigen an vorderster Front mitgespielt: nämlich Graz. Anders als die Alpennordseite, haben die südlichen Landesteile von den Unwettern lange Zeit nichts mitbekommen; wie bereits der Juni zuvor, war an der Alpensüdseite auch der Juli sehr trocken. Im Falle von Graz – besser gesagt: Stadtteilen von Graz – änderte sich das auf des Julis alten Tage: Bis zum 30. d. M. galt dieser in der steirischen Landeshauptstadt nämlich noch als fünft-trockenster der dortigen Messgeschichte (Station Universität), jener Gewitterabend änderte alles: 60 mm in nur 1 Stunde, sowie 114 mm in 6 Stunden, bedeuten auch für Graz (Universität) einen Stunden- (Daten seit 1992) wie auch Allzeit-Tagesniederschlagsrekord (alle Monate, Daten seit 1894). Wie lokal dieses Gewitter gewütet hat, zeigt übrigens der Vergleich mit den anderen Stationen der Stadt: Weder jene im Stadtteil Straßgang, noch die am Flughafen konnte mit je rund 40 mm in Summe mithalten.

Kaum August-Highlights
Österreichweit brachte der heurige Juli an 127 (von 270) Messstationen zumindest einen Tag, an dem mehr als 40 mm gefallen sind – das sind doppelt so viele Stationen, wie gewöhnlich (im Mittel sind es rund 60). Der Juli bilanziert damit sehr nass (im österreichweiten Mittel reiht er sich gar unter die 20 nassesten) – er war vielerorts (mit Ausnahme der südlichen Landesteile) das genaue Gegenteil zum extrem trockenen Juni.

Juli-Niederschlagsabweichung [in %] zum Klimamittel 1981-2010 (Quelle: ZAMG)

Auch der August ließ noch ein paar Mal seine Muckis spielen: St. Pölten etwa knackte am 16. d. M. zum bereits dritten Mal (!) in diesem Sommer mit 45 mm in nur 60 Minuten den Stunden-Niederschlagsrekord, in Krimml (S) zog am 14. d. M. ein heftiges Gewitter mit satten 80 mm / 3h durch – für die kleine, aber brave (Messbeginn immerhin 1953) Oberpinzgauer Gemeinde wohl eines der heftigsten Gewitter ihrer Geschichte (5t-höchste Tagesniederschlagssumme). Im Großen und Ganzen aber war der August noch der harmloseste der 3 Sommermonate, in Sachen Hitze war er überhaupt auffällig human: Das erste (nur an 2 Stationen wurde der 30er geknackt) wie auch letzte (3 Stationen) Augustdrittel blieb weitgehend hitzefrei – einen derart gemäßigten Einstand legte ein August zuletzt im Jahre 2006, einen vergleichbaren kühlen Abschied 2014 hin –, auch die Hitzewelle zur Monatsmitte hat keinem weh getan. Unterm Strich bilanziert der August sowohl bei der Anzahl der heißen Tage, wie auch im Temperaturmittel leicht unterdurchschnittlich und platziert sich somit im Mittelfeld der österreichischen Bestenliste.

Ort 2021 Mittel 1981 – 2010 Rekord
Bregenz 1 Tag 2 Tage 12 / 1992
Eisenstadt 4 Tage 6 Tage 19 / 1992
Graz – Universität 4 Tage 5 Tage 20 / 1992
Innsbruck – Universität 4 Tage 5 Tage 20 / 2015
Klagenfurt – Flughafen 4 Tage 5 Tage 18 / 2003
Linz 3 Tage 3 Tage 17 / 2015
Salzburg – Flughafen 4 Tage 3 Tage 17 / 1994
St. Pölten 4 Tage 5 Tage 20 / 2003
Wien – Hohe Warte 4 Tage 6 Tage 21 / 1992

Der Linie treu bleiben
Unter’m Strich also haben wir einen extrem trockenen wie auch heißen Juni, einen sehr warmen aber unwetterlastigen Juli und einen August der Kategorie “fernerliefen” – in der Gesamtbilanz schlägt natürlich das Extreme, ergo Juni, voll durch: Der Sommer 2021 kann gar nicht anders, als sich im Temperatur-Ranking ganz vorne einzureihen, und steigt so in die Fußstapfen seiner Vorgänger: 2021 ist nach 2020, 2019, 2018, 2017, 2016, 2015, 2013 und 2012 der bereits neunte Sommer in den letzten zehn Jahren, der sich in die Top 20 der 254-jährigen Messgeschichte einreiht: Platz 8. Verdammte Scheiße!

2021 2003 2019 2015 2017 2018
Platz 8 
wärmster Sommer 2t-wärmster Sommer 3t-wärmster Sommer 4t-wärmster Sommer 5t- wärmster Sommer
Juni +3,3° +4,3° +4,6° +1,3° +3,1° +1,8°
Juli +1,1° +0,9° +1,5° +3,0° +0,9° +1,2°
August -0,7°
+3,5° +1,9° +2,7° +2,0° +2,6°
Gesamt +1,2° 
+2,9°
+2,7° +2,4°
+2,0°
+1,9°

Hinweis: Für die Monatsbilanz wird der  SPARTACUS-Datensatz verwendet, weshalb die Abweichungen in der Kommastelle variieren (vgl. dazu den Reiter “Sommer – Hitparade”).

Die wärmsten Sommer Österreichs seit 1767 (Grafik: wetterblog.at)

Kanadischer Irrsinn
Und dennoch können wir ob dieses Abschneidens fast frohlocken, hätte es doch weit schlimmer kommen können: Auf der gesamten Nordhalbkugel sind in diesem Sommer Hitzerekorde gefallen, als gäbe es überhaupt kein Morgen mehr. Einer, der selbst jetzt noch surreal klingt, wurde in Kanada verzeichnet: Seit 1937 lag der Kanada-Hitze-Rekord bei 45 Grad (aufgestellt in Midale, Saskatchewan) und galt 84 Jahre als in Stein gemeißelt. Am 27. Juni 2021 stieg der landesweite Höchstwert auf 46,6 Grad, am 28. Juni auf 47,9 Grad, und schließlich am 29. Juni auf unvorstellbare 49,6 Grad (alle Werte aufgestellt in Lytton, Britisch-Kolumbien). FAST FÜNFZIG GRAD IN KANADA! Selbst in der Türkei, in Griechenland oder in Spanien war es niemals zuvor heißer! Und das, obwohl heuer die Türkei, Griechenland und Spanien ebenfalls historische Hitze verzeichnet haben – gehts noch absurder?

Eine Auswahl der im Sommer 2021 aufgestellten Spitzenwerte im Mittelmeerraum:

Land Höchste Temperatur  Datum Rekord 
Griechenland 47,1° / Langadas 03. August 2021 48,0° / Athen / 1977 *
Türkei 49,1° / Cizre 20. Juli 2021 ° alt: 49,0° / Cizre / 1961
Nordmazedonien 44,1° / Gevgelija 03. August 2021 45,7° / Demir Kapija / 2007
Bulgarien 42,5° / Sandanski 03. August 2021 45,2° / Sadovo / 1916
Italien 48,8° / Syrakus 11. August 2021 alt: 47,2° / Muravera / 1957 **
Spanien 47,4° / Montoro 14. August 2021 alt: 47,3° / Montoro / 2017
Tunesien 50,3° / Kairouan 11. August 2021 alt: 50,1° / Al Burmah / 2005
Algerien 49,9° / Adrar  18. Juli 2021 ° 51,3° / Ouargla / 2018
Marokko 49,6° / Sidi Slimane 12. Juli 2021 ° 51,7° / Agadir / 1940

° Türkei, Algerien und Marokko verzeichneten ihre Spitzenwerte bereits im Juli.
* Der Rekord wird von vielen angezweifelt, wird aber von der Weltorganisation für Meteorologie anerkannt und ist somit amtlich.
** Im Jahre 1999 wurden auf Sizilien 48,5 Grad gemessen, der Wert ist jedoch nicht offiziell.

Europa brennt
Der gesamte Mittelmeerraum war betroffen – über Wochen hinweg waberte die Hitze umher, erreichte vielerorts Rekordniveau und gipfelte schlussendlich am 11. August in 48,8 Grad auf Sizilien – nirgends in Europa wurde jemals zuvor ein höherer Wert gemessen. Auch die wärmste Nacht des Kontinents wurde verzeichnet: Mit einem Tiefstwert von 34,9 Grad wollte es am 03. August 2021 in Plakias auf Kreta überhaupt nicht mehr abkühlen! Auf die nicht enden wollenden Hitze folgte in vielen Ländern die Dürre, Niederschläge blieben aus, Waldbrände erreichten in Folge unvorstellbare Ausmaße – Österreichs einziges Glück war es, dass die Großwetterlage nie vollends auf Süd oder gar Südost gedreht hat; die Hitze wäre ohne Umschweife bei uns gewesen. Wie arschknapp die Sache war, zeigt der Umstand, dass die 40-Grad-Zone in vielen Ländern des Balkans Dauergast und selbst in Ungarn auf Besuch war.

Anzahl der Waldbrände im Sommer 2021 in den Staaten Europas im Vergleich zum Mittel 2008-2020. Die tatsächliche Anzahl ist größer, da in die Statistik nur Waldbrände mit einer Mindestgröße von 30 Hektar einfließen. Quelle: Copernicus Emergency Management Service 

Der Sommer 2021 war im Grunde eher blitzarm. Die Anzahl der Blitze seit Messbeginn 1992 (Daten: ALDIS, Grafik: wetterblog.at)

Nasse Ambivalenz
Kein Vorteil allerdings ohne Nachteil. Da die Großwetterlage über weite Strecken südwestlich geprägt war (wenn man vom unterkühlten Sommerende absieht), hatten eben Unwetter leichtes Spiel. Doch: War der Sommer deshalb verregnet? Ein einfaches “Ja” tut dem Sommer Unrecht. Er war gebietsweise zwar niederschlagsreich, die Zahl der Niederschlagstage (mit zumindest 1 mm Regen) liegt dennoch im Bereich der Durchschnittswerte – in Westösterreich etwas darüber, im Osten und Süden allerdings darunter. Auch die Anzahl der Blitze ist – überraschenderweise! – gering, der Sommer zählt sogar zu den eher blitzärmeren der Messgeschichte (Beginn 1992). Und selbst die Sonnenausbeute war heuer leicht überdurchschnittlich – warum also der Eindruck des verregneten Sommers? Nun, an erster Stelle steht freilich der Umstand, dass die meisten Unwetter nun mal der Hochsommer brachte, also just jene Zeit, in der Herr und Frau Österreicher gerne urlauben (und bekanntlich muss der eigene Urlaub ja immer tippitoppi sein). Auch das verdammte Kurzzeitgedächtnis spielt einem gerne einen Streich – der heiße und trockene Juni ist während des kühl-nassen Sommerfinales doch längst vergessen. Über allem aber steht die mediale Indoktrination, der Sommer habe durchgehend sonnig und heiß zu sein – einer jener Wetter-Mythen, die aus den Köpfen vieler gar nicht mehr rauszubekommen ist.

Gesamtniederschlagsbilanz des Sommers 2021, Abweichung [in %] zum Klimamittel 1981-2010 (Quelle: ZAMG)

  Tage mit > 1 mm
Tage mit > 10 mm
Ort 2021 Mittel
2021
Mittel
Wien – Hohe Warte 23 26,8 8 6,3
St. Pölten 36 30,6 15 8,8
Eisenstadt 20 26,4 8 7,0
Linz 41 34,5 12 9,6
Salzburg – Flughafen 42 43,0 19 17,0
Innsbruck – Universität 44 39,9 14 12,5
Bregenz 50 40,8 24 18,1
Graz – Universität 28 31,8 10 11,8
Klagenfurt 27 30,9 7 11,9

Wenn, dann gscheit
Dass “niederschlagsreich” nicht gleich “verregnet” bedeutet, zeigt auch schön das Beispiel St. Pölten. Wie bereits erwähnt, hat die niederösterreichische Landeshauptstadt in jedem der 3 Sommermonate Niederschlagsrekorde verzeichnet, der Sommer 2021 bilanziert damit als zweit-niederschlagsreichster der St. Pöltener Messgeschichte (Summe 542 mm, Beginn 1894). Allerdings sind rund die Hälfte dieser Niederschläge an nur 3 Tagen gefallen – ohne diese Rekord-Ereignisse wäre der Sommer in St. Pölten sogar zu trocken gewesen. Und genau diesen Umstand kann man auch guten Gewissens auf weite Teile Österreichs ausrollen: Der Niederschlagsreichtum konzentriert sich in den allermeisten Fällen auf einzelne, wenige Tage.

Paradoxe Zukunft
Doch wie lassen sich die vielen Niederschlagsrekorde erklären? Nun, dahinter steckt Physik: Luft kann, wenn sie wärmer wird, mehr Wasserdampf aufnehmen – Merkregel: Pro Grad Erwärmung ca. 7 % mehr (bei Gewittern sogar weit über 10 % mehr). Dieses Mehr an Niederschlag verteilt sich jedoch nicht gleichmäßig übers Jahr, sondern konzentriert sich auf einige wenige Tage; die Verdunstung hinkt nämlich der erhöhten Aufnahmekapazität hinterher und legt nur um etwa 4 % pro Grad Erwärmung zu. Es dauert also ein Zeitl, bis die Speicher voll sind, wenn sie das aber sind, und die Wetterlage passt, dann hama den Salat – wie der heurige Sommer halt immer wieder zum Besten gegeben hat, und auch der Vergleich mit der Vergangenheit mittlerweile belegt: Eine Studie der ZAMG konnte zeigen, dass Tage mit starken oder extremen Niederschlagsmengen bereits um bis zu 30 % zugenommen, wohingegen Tage mit moderaten oder schwachen Mengen um ca. 10 % abgenommen haben. Die scheinbar paradoxe Situation, dass unsere Sommer immer häufiger Trockenheit (im extremen Fall Dürre), gleichzeitig aber auch immer heftigere Niederschlagsereignisse (häufig gefolgt von Überflutungen, Muren und Hochwasser) bringen, ist damit erklärt.

Änderung der Tage mit bestimmten Regenmengen, Vergleich der Periode 1991-2020 zu 1961-1990. Die Einteilung erfolgt in Perzentilen, in der Gruppe “extrem” sind zum Beispiel alle Fälle enthalten, die größer als 98% aller Ereignisse sind (schwach <30 pct, moderat 30-60 pct, beträchtlich 60-90 pct, stark 90-95 pct, sehr stark 95-98 pct, extrem >98 pct). Daten: Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik, Grafik: wetterblog.at

Abschlussworte
Der Sommer 2021 war ganz klar einer der Extreme: Auf Rekordtrockenheit folgten vielerorts Rekordniederschläge, ein pauschales “nasser Sommer” mag zwar in der persönlichen Wahrnehmung nicht ganz von der Hand zu weisen sein, scheint aber dennoch nicht ganz gerechtfertigt. Sorge bereitet der Umstand, dass dem Sommer die vermeintlich fehlende Hitze hierzulande angekreidet wird – man muss sich das mal verinnerlichen: Noch vor 30 Jahren wäre uns ein Sommer wie heuer ungewöhnlich heiß vorgekommen! Auf der gesamten Nordhalbkugel brachten die letzten 3 Monate Hitzerekorde noch und nöcher, doch anstatt sich des Glücks, diesem historischen Irrsinn entkommen zu sein, zu erfreuen, wird in Österreich lieber gejammert. Nun: Die Zeit wird kommen, in der wir uns nach Sommern wie heuer sehnen. 2019 hat die historische Hitze mit 40 Grad und mehr in Westeuropa zugeschlagen, heuer in Osteuropa und dem gesamten Mittelmeerraum, Europa ist gar erstmals verdammt knapp an der 50-Grad-Marke vorbeigeschrammt! Österreich ist noch mal mit tiefblauem Auge davongekommen, Glück aber ist bekanntlich ein Vogerl.

PS: An dieser Stelle gilt es freilich immer, Alexander Orlik von der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik zu danken, von dem ich mir jede einzelne Zahl in meinen Artikeln bestätigen lasse. Diese Engelsgeduld ist keine Selbstverständlichkeit! Auch meinen genötigten Korrekturlesern seien einmal mehr für deren Inputs umarmt :)

2 Kommentare
  1. Peter
    Peter sagte:

    Danke! Einmal ein erfreulich sachlicher Artikel über den heurigen Sommer, ohne unangenehme Wertung, wie leider meist im TV üblich (Unter 25° im Sommer –> böser Sommer, schlechtes Wetter, über 35°, sonnig und trocken/heiß toller Sommer). Habe mir den Blog gespeichert und werde öfter mal reinlesen.

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