Winter 2020/21: Ein Winter im Schafspelz

Alles gut?
Lange Zeit war das dominierende Thema im heurigen Winter: Schnee. Die einen hatten ziemlich schnell zu viel davon, andere wiederum hätten gerne ein wenig mehr gehabt. Unterm Strich aber war der Winter nirgendwo schneelos und damit schon mal schneereicher als im letzten Jahr. Auch eine Kältewelle kann dieser Winter vorweisen – zwar nicht die längste oder gar herausragendste ihrer Art, aber doch signifikant. Am Ende also alles gut? Ganz im Gegenteil! Wer sich von lokalen Schneemassen und einer Woche Kälte beeindrucken lässt, übersieht ein wesentliches Detail: Auch der Winter 2020/21 reiht sich unter die wärmsten der österreichischen Messgeschichte. Von Schneerekorden und Rekordwärme – eine Bilanz.

Das Kärntner Lesachtal im Dezember 2020 (Bild: Manuel Wilhelmer)

Traumstart
Gleich zu Beginn hat dieser Winter gezeigt, dass er nicht vorhat, seinem Vorgänger punkto Schneelosigkeit nacheifern zu wollen: Bereits am 03. Dezember waren alle Landeshauptstädte erstmals weiß! Was für ein erfreulicher Start in den Winter, noch dazu ein seltener: Dass alle Landeshauptstädte im ersten Dezemberdrittel gleichzeitig ein mehr oder weniger dickes Winterkleid tragen, gab es nämlich zuletzt im Jahr 2010. In Bregenz (mit 1 cm) und St. Pölten (2 cm) war dies überhaupt die erste messbare Schneedecke seit dem Februar 2019, in Graz (9 cm) stapfte man durch die dickste seit März 2018. Die Hoffnung auf schnellen Nachschub blieb zwar in den meisten Landeshauptstädten unerfüllt, andernorts aber folgte ein Niederschlagsereignis historischen Ausmaßes, das selbst für umtriebige Meteorologen ein erstes Mal war.

Historisches Niederschlagsrezept
Die Zutaten: Ein warmes Mittelmeer, die Alpen und eine festgefahrene  Wetterlage. Das Ergebnis: Niederschlagsrekorde in Osttirol und Oberkärnten – sowohl in flüssiger als auch fester Form. In 3 Tranchen (vom 04. – 06. Dezember, am 07. Dezember und am 29. Dezember 2020) summierten sich Niederschlagsmengen, wie sie selbst im Südwesten Österreichs – immerhin einer der nassesten Regionen des Landes – noch in keinem Dezember zuvor aufgetreten sind: Bis zu +800 % des monatlichen Durschnittwertes! An einigen Standorten mauserte sich dieser Dezember gleich zum nassesten Monat überhaupt, wie zum Beispiel in Lienz (T) mit 443 mm (Messbeginn 1880) – der mehr als 100 Jahre alte Dezember-Rekord wurde regelrecht pulverisiert (227 mm / Dezember 1916), der Allzeit-Rekord deutlich überboten (415 mm / November 2019). Die landesweit höchste Monats-Niederschlagsmenge verzeichnete mit 527 mm Kornat im Lesachtal (K, Messbeginn 1871), 363 mm davon fielen allein in 72 Stunden, 190 mm in 24 Stunden (österreichweiter Tagesniederschlagsrekord im Winter) – nur zum Vergleich: Die Niederschlagsmenge eines gesamten Jahres beträgt in Wien zum Beispiel durchschnittlich 660 mm!

Niederschlagsanalyse vom Dezember 2020 (Karte: ZAMG)

 Die höchsten Monatsniederschlagssummen im Dezember 2020:

Ort Bundesland Niederschlagsmenge Abweichung Rekord?
Kornat K 528 mm + 560 % Dezember-Rekord
Kötschach-Mauthen K 470 mm + 450 % Dezember-Rekord
Lienz T 444 mm + 788 % Absolut-Rekord
Dellach im Drautal K 402 mm + 500 % Dezember-Rekord
Sillian T 388 mm + 708 % Dezember-Rekord
Döllach K 357 mm + 711 % Absolut-Rekord
Mallnitz K 349 mm + 612 % Dezember-Rekord
Obervellach K 303 mm + 588 % Dezember-Rekord
St. Jakob im Defereggen T 284 mm + 517 % Dezember-Rekord
Umhausen T 165 mm + 312 % Dezember-Rekord

Winter-Wonderland Lienz. 182 Zentimeter Neuschnee machen den Dezember 2021 zum schneereichsten Wintermonat der Messgeschichte (Webcam: Stadt Lienz)

Nass, Schneereich, Lienz
Wenn ein Wintermonat ein Niederschlagsplus von bis zu 800% bringt, dann ist es hoffentlich nicht weiter verwunderlich, dass da zwangsläufig auch der eine oder andere Schneerekord purzeln muss – alles andere wäre in einem Bergland wie Österreich ja schwer bedenklich. Anders als beim Niederschlag jedoch ist die Schneemessung auf verhältnismäßig wenige Stationen in Österreich beschränkt – Hauptgrund dafür, weil Schnee nach wie vor manuell gemessen wird (kein Schmäh: mit Lineal bzw. Zollstock!), Wetterstationen aber mittlerweile auf Automatik umgestellt sind, viele Messreihen sohin (bedauernswerterweise) aufgelassen wurden. Doch jene, die noch messen, haben selten zuvor mehr gemessen; als herausragendstes Beispiel sei auch hier Lienz (T) genannt: In Summe 182 cm Neuschnee, nicht nur die höchste Menge in einem Dezember, sondern überhaupt in einem Wintermonat (Messbeginn sporadisch seit 1895, durchgehend seit 1971).

Ort Bundesland Neuschneemenge Rekord?
Kötschach-Mauthen K 246 cm Dezember-Rekord
Virgen T 225 cm Dezember-Rekord
St. Jakob im Defereggen T 211 cm Dezember-Rekord
Mallnitz K 184 cm Dezember-Rekord
Lienz T 182 cm Winter-Rekord
Umhausen T 132 cm Dezember-Rekord

Wenn viel fällt, liegt auch viel
Und so kommts, dass die Schneedecke in Osttirol und Oberkärnten, teils auch auf Nordtiroler Seite wie am Brennerpass oder im Ötztal, mit dem Wachsen nicht aufhören wollte und häufig bereits im Dezember die 1-Meter-Marke überbot – was zwar in der städtischen Vorstellung der Inbegriff des alpinen Winters ist (in den Alpen hat im Winter schließlich immer viel Schnee zu liegen), klimatologisch aber alles andere als Usus ist: Stolze 150 cm zum Beispiel in St. Jakob im Defereggen (T, Dezember-Rekord, nur in 2 Wintern gab es eine dickere: 1951 und 1986), oder 130 cm in Kötschach-Mauthen (K). In Lienz hingegen ist die Dezember-Schneedecke trotz des Neuschneerekords nicht über 1 Meter angewachsen (dank Setzung und zwischenzeitlichem Regen, maximale Schneehöhe 95 cm) – dieses Kunststück gelang der siebent-größten Stadt Tirols mit einem Maximum von 1,20 Meter erst im Jänner 2021, dann aber gleich 27 Tage in Folge – Rekord! Zum Vergleich: Eine ähnlich lange Reihe von 1-Meter-Schneedecken-Tagen existiert in der Messreihe Lienz (Beginn 1947) nur in den Jahren 1951 (mit 19 Tagen) und 1980 (mit 18 Tagen).

Dem Schnee beim Wachsen zusehen, wie in Kötschach-Mauthen (K) im Dezember 2020 (Webcam: Auqarena Kötschach-Mauthen)

Überraschende Wende
Nach den Dezember-Schneefällen in Osttirol und Oberkärnten kam im Jänner 2021 überraschenderweise auch der Westen Österreichs zum Handkuss. Überraschend deshalb, da nicht nur die Großwetterlage an sich ins Gegenteil kippte (von Südstau auf Nordweststau), sondern nun auch in Vorarlberg Niederschlagsrekorde fielen: In Bregenz summierten sich in den folgenden 4 Wochen 237 mm Niederschlag, was den Jänner 2021 zum nassesten seit Messbeginn 1874 macht (alter Rekord: 227 mm / Jänner 1900), in Feldkirch reichte es mit 186 mm noch immer für den nassesten des 21. Jahrhunderts und den dritt-nasssesten Jänner seit Messbeginn 1876 (Rekord: 221 mm / Jänner 1982). Und auch in Vorarlberg gilt: Es wäre mehr als bedenklich, wenn im Winter (Jänner sogar Hochwinter) trotz großer Niederschlagsmengen sich nicht auch schneemäßig was täte. Et voila: Am 15. Jänner 2021 locker-flockige 40 cm Neuschnee in Bregenz, 50 cm in Feldkirch – in beiden Städte ungewöhnlich viel. So gab es in Bregenz (Messbeginn 1980) erst einmal mehr Neuschnee innerhalb von 24 Stunden (nämlich 52 cm im Feber 2013), in Feldkirch (bei weit längerer Messreihe, Beginn 1895) muss man gar bis ins Jahr 1952 zurück, um höhere Mengen zu finden (damals 53 cm im Feber). Anders als in Osttirol und Oberkärnten blieb die Gesamtschneehöhe in Vorarlberg aber generell unter den Spitzenwerten, da in Folge dann doch wieder Tauwetter einsetze und die Niederschläge zum Großteil in flüssiger Form fielen.

Und sonst so?
Auch Innsbruck und Salzburg können zumindest noch je ein großes Schneeereignis in diesem Winter verbuchen: Innsbruck (Flughafen) am 14. Jänner mit 31 cm, Salzburg (Freisaal) am 26. Jänner mit 30 cm – auch das nicht alltägliche Mengen; in Innsbruck sind Schneefälle dieser Größenordnung nur etwa alle 7 Jahre zu erwarten, in Salzburg alle 15. Klagefurt hat kontinuierlich was abbekommen, Ende Dezember war auch ein großes Ereignis dabei mit 26 cm in 24h (das stärkste Ereignis seit Februar 1996). Doch je weiter wir ins Flachland rutschen, desto trauriger wird auch die Schneeausbeute: St. Pölten, Wien, Eisenstadt und Graz waren zwar immer wieder mal angezuckert, doch große Schneemengen blieben auch heuer wieder aus. Interessant: Trotz herausragender Einzelschneefallereignisse in Bregenz, Innsbruck und Salzburg liegt übrigens die Anzahl der Schneedeckentage (Tage mit min. 1 cm Schnee) in allen Landeshauptstädten teils deutlich unter den Klimanormalwerten, nur Klagenfurt kann ein Plus aufweisen. Und Lienz sowieso, ist aber keine Landeshauptstadt.

Ort Bundesland Neuschneemenge Abweichung
Bregenz V 111 cm + 73 %
Klagenfurt K 78 cm + 53 %
Linz 55 cm + 10 %
Innsbruck – Universität T 72 cm 0 %
Salzburg – Freisaal S 67 cm – 25 %
Graz – Universität ST 28 cm – 31 %
Eisenstadt B 19 cm – 45 %
Wien – Hohe Warte W 14 cm – 73 %
St. Pölten 13 cm – 72 %
Lienz T 342 + 382 %

Die Neuschneesumme des Winters 2020/21 im Vergleich mit den Klimamitteln.

Wiener Winter
Dennoch lässt sich sagen: Schneemäßig hat dieser Winter in manchen Regionen (zumindest ab und zu mal) auftrumpfen können, in Osttirol und Oberkärnten mag es unter Umständen auch schon zu viel des Guten gewesen sein. Dass das Flachland weniger beglückt wurde, ist als Einzelereignis nicht weiter aufregend (schneereiche Winter stehen im Flachland nun mal nicht an der Tagesordnung), da aber dieser Winter WIEDER schneearm verlief, lohnt sich ein Blick in die Schneestatistik am Beispiel Wien: 14 cm Schnee sind in diesem Winter zusammengekommen, damit mehr als im letzten Jahr (Negativrekord mit 2 cm), dennoch einer der schneeärmsten der Wiener Messgeschichte (nur 6 Winter waren noch schneeärmer, Messbeginn 1952). Das Klimamittel von 52 cm (im 20. Jahrhundert noch 65 cm) wurde bereits seit 8 Jahren nicht mehr erreicht, der letzte schneereiche Winter in der Bundeshauptstadt datiert aus dem Winter 2012/13! Dass nicht jeder was mit Schnee in der Stadt anzufangen weiß, liegt auf der Hand, doch die persönliche Präferenz mal beiseite geschoben: Wohin die Reise geht, ist kaum mehr zu übersehen. Uns kommt schlicht der Schnee abhanden! Hauptgrund: Die Winter sind wärmer geworden – der heurige macht da keine Ausnahme. Und das trotz lokaler Schneemassen.

Auf der wärmeren Seite
Was uns auch schon zum Kapitel Temperatur bringt. Ein sehr milder Dezember (Abweichung +1,7 Grad) steht einem eher normal-kalten Jänner (Abweichung -0,1 Grad) gegenüber. Die große Abweichung im Dezember ist angesichts der anhaltenden Süd-Wetterlage nicht weiter verwunderlich, während es in Osttirol und Oberkärnten zu enormen Schneefällen gekommen ist, hat sich alpennordseitig föhnmäßig die Post abgespielt: Am Höhepunkt der Stauniederschläge (06. Dezember) wurde in Oberösterreich zum Beispiel einer der wärmsten Dezembernächte registriert (12,3 Grad Minimum in Windischgarsten), im gesamten Bergland wurden neue Dezember-Sturmspitzen aufgezeichnet (prominentestes Beispiel Kitzbühel (T), das in der Nacht auf den 05. Dezember gleich 6x seinen bisherigen Rekord überboten hat, stärkste Windböe mit 83,5 km/h). Auch auf das Weihnachtstauwetter war heuer wieder Verlass, mit bis zu 16 Grad wurde es etwa im Waldviertel ungewohnt warm (Temperaturrekord zum Beispiel in Gars am Kamp mit 15,8 Grad am 23. d. M.), alle Landeshauptstädte feierten das Fest in grün. Unterm Strich lag der Dezember damit zwar auf der wärmeren, aber gerade noch innerhalb der statistischen Temperatur-Schwankungsbreite liegenden Seite.

Kaltluft-Selbstproduktion
Der folgende Jänner vermochte gar ein wenig dieser Dezemberwärme zu kompensieren, allen voran in jenen Regionen, die im Vorfeld schneemäßig zu tun hatten: Ab dem 08. Jänner sanken die Temperaturen inneralpin in den Minus-20er-Bereich, und das, obwohl die Luftmasse selbst gar nicht so sonderlich kalt war. Was tun, wenn keine Kältewelle kommen will? Richtig! Kaltluft einfach selbst produzieren! Dafür brauchts das perfekte Zusammenspiel 3er Faktoren: Eine vorhandene Schneedecke (umso dicker, desto besser), Windstille und einen wolkenloser Himmel. Denn anders als auf den Bergen, wo die Temperatur einzig von der Luftmasse selbst bestimmt wird (ist die Luftmasse warm, ist es auf den Bergen warm, und umgekehrt), spielt in den Niederungen auch die nächtliche Abstrahlung eine wichtige Rolle – und die funktioniert eben besonders effektiv, wenn erwähnte Voraussetzungen erfüllt sind. Das Ergebnis: Inneralpin die tiefsten Temperaturen des Winters mit einem absoluten Minimum von -24,2 Grad am 11. Jänner 2021 in St. Jakob im Defereggen (T). Und weil Lienz (T) bisher schon auffällig oft in Erscheinung trat, möge es auch hier Erwähnung finden: Mit -23,5 am 11. d. M. gelang der Stadt die tiefste Temperatur seit 1987.

Überall, nur nicht bei uns
Der Februar gings dann wieder mit Wärme an: 17,0 Grad am 03. d. M. in Graz (Universität), 18,4 Grad am 07. d. M. in Feldkirch (V) – beides hat schon Schlimmes erahnen lassen, in Graz zum Beispiel gibt es mit 2015, 2011 und 2004 nur 3 Jahre, in denen es so früh im Jahr noch wärmer wurde (Messbeginn 1894). Doch dann kam endlich, worauf viele gewartet haben, und auch klimatologisch schon länger auf sich warten ließ: Eine Kältewelle! In weiten Teilen Europas schlug sie zu, von Deutschland bis in die Niederlande, in Tschechien, Polen, und im Baltikum, am Balkan, ja selbst in Griechenland. Nur in Österreich verlief sie vergleichsweise handzahm. Es wurde zwar kalt, oh ja. Doch egal wie man es dreht und wendet: Herausragend war die Kältewelle zu keinem Zeitpunkt. Schade!

Der Kältewellen-Reinfall
Nun gilt freilich auch hier: Kälte ist nicht jedermanns Sache. Doch auch wenn Frost medial so gut wie immer verteufelt und Hitze gehypt wird (es findet mittlerweile sogar eine gewisse euphemistische Verschiebung statt, “warm” ist grundsätzlich immer gut, egal in welcher Jahreszeit), erfüllt Frost (anders als Hitze) wichtige ökologische Funktionen. Ein Ausbleiben von Kältephasen ist für unsere Umwelt fatal – und resultiert am Ende auch im sichtbaren Ausbleiben vom Schnee (ebenfalls ökologisch fatal). Doch kommen wir zu den Gründen, warum der Kältewelle in Österreich sprichwörtlich die Luft ausgegangen ist. Wie oben schon erwähnt: Eine sehr kalte Luftmasse allein (und die Luftmasse war sehr kalt, am 13. Februar wurde am Dachstein (OÖ) auf 2500 Meter Seehöhe die österreichweit tiefste Temperatur des heurigen Winters von -29,4 Grad gemessen, Kälte-Rekord an der noch jungen Station) reicht für tiefe Temperaturen im Flachland meist nicht aus; wenn von den 3 Zutaten (Schneedecke, Windstille, klarer Himmel) auch nur eines nicht gegeben ist, wirds schwierig. Und so kam es, wie es kommen musste: Es gab zwar nun auch im Flachland Dauerfrost und damit die tiefsten Temperaturen seit 2018 (was angesichts der warmen Winter der Vorjahre nun wirklich keine Kunst war), doch da keiner der erwähnten Faktoren Erfüllung fand (keine Schneedecke, selten Windstille, eher bewölkt), war die Kälte zu keinem Zeitpunkt herausragend – wenngleich aufgrund des anhaltenden Windes das subjektive Kälteempfinden deutlich erhört war (Windchill-Effekt). Am Ende war es einfach nur ein hochwinterlicher Wetterabschnitt, der nicht nur schnell wieder vorbei war, es wurde auch flotten Fußes wieder warm. Und zwar gleich mal frühsommerlich warm.

Am Dachstein (OÖ) wurde am 13. Februar mit -29,4 Grad die absolut tiefste Temperatur des Winters 2020/21 verzeichnet – Stationsrekord.

The trumpets shall sound
Was im letzten Februar-Drittel abgegangen ist, passt eigentlich kaum noch auf eine Kuhhaut: Wärmerekorde fielen in einer Anzahl, dass es eigentlich schon beängstigend ist, die Nächte waren vielerorts bacherlwarm, Plusgrade selbst auf unseren höchsten Wetterstationen – und vom österreichischen Rundfunk abwärts erschallten im ganzen Land die medialen Frühlings-Freuden-Fanfaren. Klimawandel? Noch nie gehört. Wärme ist super, Winter ist böse – so der Tenor. Doch gehen wir es durch, sehen wir uns die Rekorde etwas genauer an.

Rekorde tagsüber … 
An unglaublichen 42 Wetterstationen wurden neue Februar-Wärmerekorde verzeichnet, unzählige waren weniger als 1 Grad im Bereich ihrer Rekorde, 75 Mal wurde die 20-Grad-Marke geknackt (an manchen Stationen gleich an mehreren Tagen), 3 Stationen überboten sogar die 22 Grad – der absolute Höchstwert wurde mit 22,6 Grad in Köflach in der Steiermark erreicht. Nur damit wir uns verstehen: 22 Grad und mehr hat es in Österreich lediglich in folgenden Jahren gegeben: 1960, 1990, 2004, 2012, 2016, 2019 und nun heuer. Fällt euch was auf? Ein Schelm, der da der Frühlings-Lobhudelei nicht folgen möchte! Anders als bei vielen Wärmewellen im Winter hat diesmal übrigens der Föhn (oder in der Steiermark der Jauk) nur eine untergeordnete Rolle gespielt, es war schlicht die Luftmasse selbst, die so außergewöhnlich warm war. In Ramsau am Dachstein (ST) zum Beispiel – nicht gerade als Föhn-Hochburg bekannt – wurde der über 70 Jahre alte Wärmerekord gleich an 3 Tagen um 1 Grad überboten (neu: 15,2 Grad, alt: 14,3 / 1950), oder auch in Bad Mitterndorf (ST) gleich nebenan (ebenfalls an 3 Tagen, neu: 17,7 Grad, alt: 15,9 / 1998). Egal wohin wir blicken, ob in Zwettl im Waldviertel (NÖ) – hält immerhin den österreichischen Kälterekord -, in Kollerschlag im Mühlviertel (OÖ), in Bad Gastein (S), in Tannheim im Außerfern (T), in Mariazell (ST), im Rheintal (V) – im ganzen Land sind die Rekorde weggegangen, wie die warmen Semmeln! Eine derart lange Wärmewelle (6 Tage in Folge mit Temperaturen von mehr als 20 Grad) wurde in Österreich zuvor noch in keinem Wintermonat je beobachtet (bisher längste 1998 mit 5 Tagen).

Rekord-Reigen am Beispiel Sulzberg in Vorarlberg (Bild: Thomas Rinderer)

… Rekorde nächtens …
Was sich tagsüber abgespielt hat, fand in den Nächten Fortsetzung. Sulzberg in Vorarlberg (Seehöhe 1016 Meter!) überbot nicht nur an 4 Tagen den bisherigen Wärmerekord (mit einem Maximum am 22.02. von 16,9 Grad, alter Rekord 14,6 Grad / 2020), sondern auch gleich mal – quasi weils so lustig ist – in 6 Nächten (!) das höchste Feber-Minimum: Mit einem Spitzenwert von 9,1 Grad am 22. d. M. wurde der alte Rekord von 6,9 Grad (2016) regelrecht pulverisiert. Rekordwarme Feburarnächte in Folge gab es außerdem: In Bärnkopf (NÖ, 969 Meter, 4x), auf der Rax (NÖ, 1547 Meter, 4x), auf dem Kolomansberg (S, 1113 Meter, 5x) oder am Jauerling (NÖ, 955 Meter, 2x) – um nur ein paar zu nennen.

Winter-Wärme-Rekord an Österreichs höchster Wetterstation, dem Brunnnenkogel im Tiroler Ötztal.

… Rekorde weit oben
Zur Krönung des Ganzen wurde am 3437 Meter hohen Brunnenkogel im Tiroler Ötztal – Österreichs höchster Wetterstation – 3x der bisherige Februar-Rekord überboten und mit unvorstellbaren 4,0 Grad PLUS am 24. Februar 2021 die höchste je in einem Wintermonat gemessene Temperatur aufgestellt. Die alten Rekorde – sowohl Februar, als auch Winter – sind dabei erst im letzten Jahr gefallen! Wie hoch soll denn die Temperatur hier oben bitte noch steigen? Der guten Ordnung halber möchte ich an dieser Stelle festhalten, dass die Messreihe am Brunnenkogel mit Beginn 2003 noch relativ kurz ist, doch wenn wir auf den Hohen Sonnblick in Salzburg ausweichen (mit rund 300 Meter etwas tiefer als der Brunnenkogel), wo die Messreihe bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht, findet die Absurdität dieser Wärme auch schon wieder Bestätigung. Denn auch am Sonnblick beträgt der Februar-Wärme-Rekord bloß 3,9 Grad (und wurde im Übrigen auch erst 2020 verzeichnet).

Und wieder einer!
Angesichts dieser Flut an Rekorden darf es nicht weiter verwundern, dass der Februar gar nicht anders kann, als sich unter die wärmsten seiner Zunft zu reihen (Abweichung +2,7 Grad), und damit auch den Winter in der Gesamtbilanz weit nach vorne hievt: Platz 21 von 253. Der Trend zu immer wärmeren Wintern ist damit ungebrochen: Seit über einem halben Jahrhundert hat es kein einziger Winter mehr unter die 50 kältesten geschafft (zuletzt ist das dem Winter 1962/63 geglückt), die wärmsten sind hingegen allesamt im 21. Jahrhundert zu finden.

2020/21 2006/07 2019/20 2015/16 2013/14
Platz 21 wärmster Winter 2-wärmster Winter 3-wärmster Winter 4-wärmster Winter
Dezember +1,7° +2,4° +2,6° +4,5° +2,2°
Jänner -0,1° +4,3° +2,6°  +1,3° +2,9°
Feber +2,7° +3,7°  +4,1°  +3,6° +2,9°
Winter +1,4°  +3,5° +3,1°  +3,1° +2,7°

Info: Abweichungen nach Spartacus (ZAMG) zum Klimamittel 1981-2010 in Grad Celsius.

Das wahre Gesicht
Die Schneemassen im Dezember waren ohne Zweifel historisch, ebenso konnte sich das eine oder andere Schneefallereignis im Jänner sehen lassen, doch am Ende hat auch dieser Winter sein wahres Gesicht gezeigt. Wie im Übrigen auch viele Medien: Während die Kältewelle viel Aufmerksamkeit erfuhr und bis ins kleinste Detail ausgeschlachtet wurde, fand die Rekordwärme meist nur euphemistisch Erwähnung, ja man wurde sogar regelrecht dazu genötigt, sich ob dieser absurden Sache zu freuen! Was sagt das über unsere Gesellschaft aus? Es hat sehr lange gebraucht, den Klimawandel und dessen Auswirkungen salonfähig zu machen. Nun laufen wir Gefahr, selbigen zu bagatellisieren. Man kann zum Winter stehen, wie man will. Man kann ihn mögen, oder hassen. Doch so ehrlich muss man sein: Frühsommerwärme hat im Winter nichts verloren. Was anderes zu behaupten wäre scheinheilig. Und am Ende ignorant.

PS: Kein Rückblick, ohne die Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik zu erwähnen. Mein größter Dank geht nämlich an Alexander Orlik, der mich (wie immer mit einer Engelsgeduld) mit den nötigen Daten versorgt hat. Auch jenen, die zum Korrekturlesen ausgewählt wurden, sei wie immer gedankt ;)

PPS: Wenn ich verallgemeinernd von “Medien” spreche, so tue ich dem einen oder der anderen Unrecht. Viele meiner Kollegen und -innen arbeiten unaufhörlich daran, hier für Sensibilisierung zu sorgen, wofür vollste Anerkennung zu zollen ist (und sich deshalb hoffentlich auch niemand angegriffen fühlt).

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