Sommer 2017: Extrem wird normal

Von wegen Jahrtausende!
Der Sommer 2003 gilt in vielen Ländern Europas als der heißeste der Geschichte und gleichzeitig auch als eine der größten Naturkatastrophen des Kontinents. Einen solchen Sommer noch einmal erleben zu dürfen/müssen, war diversen Studien von damals zufolge sehr gering; eine sah sogar eine Wiederkehrperiode im Bereich von Jahrtausenden! Doch bereits der Sommer 2015 hat uns eines Besseren belehrt: Nach nur 12 Jahren hat sich der Horror von damals wiederholt. Und nun reiht sich mit dem heurigen schon wieder ein Sommer in der Hit(ze)-Liste ganz vorne ein. Zufall? Wohl eher das Gegenteil: Extrem wird das neue Normal. Eine Bilanz zum Sommerende.

Hitze ohne Ende
Wir schreiben den 17. August 2017. Am Sonnblick, Österreich wichtigster Gipfelstation auf über 3000 Meter Höhen in Salzburg, tritt das blanke Eis des Gletschers zutage, über 4 Meter Schnee sind abgeschmolzen. Zum letzten Mal schneefrei war der Sonnblick nach dem Hitze-Sommer 2015 – damals aber erst im September, und auch das nur für wenige Tage. Die Bilanz war dennoch horrend: Bis zu 2 Meter Eisdicken-Verlust! Nur der Umstand eines schneereichen Frühjahrs verhinderte damals einen Negativrekord. Dieses Glück im Unglück hat der Sonnblick heuer nicht – weder Winter noch Frühjahr waren hier oben sonderlich schneereich. Der Sommer 2017 fordert nun schweren Tribut: Er ist für die Alpengletscher schlicht eine Katastrophe. Grund: Die nicht enden wollende Hitze.

Die Gletscher des Sonnblicks sind seit Mitte August schneefrei. Im Bild das Kleinfleißkees, darüber thront das Sonnblick-Observatorium – Österreichs wichtigste Gipfelstation. Webcambild vom 29. August 2017 (Quelle: foto-webcam.eu)

Sonnblick - Bilanz
2017 30-Jahres-Mittel  Rekord
Frosttage (Tmin ≤ 0°) 30 51 18 (2003)
Eistage (Tmax ≤ 0°) 3 15 1 (2003)
Mitteltemperatur 3,9° 1,9° 4,9° (2003)

Drei statt zwei?
Gleich fünf Hitzewellen brachte uns der Sommer 2017 – die erste beginnend mit Mitte Juni, also just zu jener Zeit, in der man eher kühleres Sommerwetter erwarten darf, gibt ja nicht umsonst den Begriff der „Schafskälte“. Viele Stationen haben dabei 10 Tage am Stück den 30er geknackt – eine Hitzewelle dieses Ausmaßes ist selbst im Hochsommer eine Seltenheit! Die Folge: Der Juni 2017 steigt als zweit-heißester in die österreichische Hitparade ein (Abweichung: +3,1°), und setzt damit den beunruhigenden Trend fort, welcher in den 90ern seinen Anfang nahm: Die Juni-Monate werden immer wärmer. Hält dies an, werden wir über kurz oder lang wohl drei Hochsommermonate haben.

Eindeutiger Trend
Dass der Juni längst nicht mehr der harmlose Frühsommermonat von früher ist, belegt auch die Zunahme der sehr heißen Tage. Waren Temperaturen jenseits der 33-Grad-Marke im 20. Jahrhundert noch selten bzw. ganz und gar unbekannt, so sind diese in den letzten Jahren so richtig en vogue geworden – wie an den Beispielen Wien (Hohe Warte) und Kremsmünster (OÖ) sehr schön zu sehen ist. Beide Stationen reichen immerhin zurück bis ins 19. Jahrhundert und zählen zu den längsten uns zur Verfügung stehenden Messreihen!

Jahre, in denen bereits im Juni die 33-Grad-Marke überschritten wurde (Daten: ZAMG, Bild: wetterblog.at)

Heiße Fortsetzung
Auf den extrem heißen Juni folgte ein ebenso heißer Juli mit zwei weiteren Hitzewellen. Damit war schon zur Sommer-Halbzeit klar: Dieser Sommer wird sich unter die heißesten der Messgeschichte einreihen – und zwar unabhängig vom August. Soll heißen: Die ersten 45 Sommertage waren bereits so absurd heiß, dass selbst ein kühler August dies nicht mehr ausgleichen hätte können! Dass dann freilich erst der August mit der heftigsten Hitzewelle seit Jahren aufwartet, war zur Sommerhalbzeit noch nicht absehbar. Und zwar deshalb nicht, weil im letzten Julidrittel der erste richtige Kaltlufteinbruch des Sommers folgte.

Der 30-Grad-Mythos
Keine 14 Grad in Salzburg, 20 Grad in Wien und das am 26. Juli – solche Temperaturen gehören eher in den Oktober! Zugegeben, jetzt nichts, was den ganzen Sommer hindurch erstrebenswert wäre, aber im Grunde nur der Versuch auszugleichen, was zuvor falsch gelaufen ist. Denn was diese paar Julitage (um den 26.) zu kalt waren, war der Großteil des Sommers davor zu warm! Hitzefanatiker konnten am eigenen Leib spüren, was es denn heißt, wenn die Temperatur um 5 – 10 Grad vom Normal abweicht, Sommer-Normaltemperaturen liegen hierzulande nämlich um die 25-Grad-Marke. Dass es aber im Sommer 30 Grad und mehr haben muss (wie es das Gros der österreichischen Medien stets einzureden versucht), ist schlicht ein Mythos – Österreich ist nicht Spanien! Apropos Spanien: Hier ist heuer am 13. Juli der Hitze-Rekord gefallen, mit 47,3 Grad in der kleinen Stadt Montoro nordöstlich von Cordoba. Ist das wirklich die Zukunft, die wir wollen?

Hitzerekord in Spanien am 13. Juli 2017. Bisheriger Absoluwert: 47,2° in Murcia (04. Juli 1994)

Vom Tief- zum Höhepunkt
Zurück zu Österreich. Einzig dieser Kaltlufteinbruch ist der Grund, warum der Juli unterm Strich zwar heiß, nicht aber extrem heiß bilanziert und damit „nur“ unter den Top 20 landet – Abweichung: +0,9°. Nach diesem einen Tiefpunkt aber ging es sofort mit Hitzewelle Nr. 4 weiter, die noch Ende Juli ihren Anfang nahm und bis weit in den August andauerte; es folgten die heißesten Sommertage seit gut 4 Jahren – Höchsttemperatur: 38,9 Grad in der Wiener Innenstadt (selbst auf der Hohen Warte 38,4 Grad). Damit wurde zwar weder der Österreich-Rekord (Bad Deutsch-Altenburg, NÖ / 40,5° / 08.08.2013) noch der Stadt-Rekord (39,5° / 08.08.2013) geknackt, dass aber der Hitze-Pokal 2017 just in die Bundeshauptstadt wandert, ist ungewöhnlich genug. Temperaturen jenseits der 38-Grad-Marke gab es zuvor in Wien (Hohe Warte) übrigens erst 2x: 1957 & 2013.

Ein paar gehen noch
Vier Hitzewellen sind nicht schlecht, fünf klingen freilich noch besser – also folgten gegen Sommerende, quasi zum Drüberstreuen, noch ein paar heiße Tage (also Tage mit Höchstwerten ≥ 30 Grad), um die eh schon beachtliche Menge derselbigen noch mal ein wenig aufzufetten: So gut wie alle österreichischen Messstationen registrierten heuer die doppelte bis zur sechsfachen Menge (!) an heißen Tagen wie gewöhnlich. Ja selbst auf 1000 Meter Seehöhe – wie im Osttiroler Sillian – wurde 10x der 30er geknackt! Im niederösterreichischen Weinviertel gab es überhaupt noch nie so viele 30-Grad-Tage wie heuer (so in Hohenau, Wolkersdorf und Zwerndorf).

Heiße Tage - Landeshauptstädte
Ort 2017 Mittel Abweichung
Wien – Stadt 41 21 +95 %
St. Pölten 33 13 +153 %
Linz 19 11 +72 %
Salzburg – Freisaal 26 10 +160 %
Innsbruck – Universität 28 17 +65 %
Bregenz 17 4 +325 %
Klagenfurt 28 14 +100 %
Graz – Universität 30 12 +150 %
Eisenstadt 37 16 +125 %
Heiße Tage - Bundesländer

Pro Bundesland jene Station mit der größten Anzahl an heißen Tagen:

Ort Bundesland 2017 Mittel Abweichung
Andau B 45 k.A. k.A.
Hohenau 45 * 17 +165 %
Schärding 26 k.A. k.A.
St. Veit / Pongau S 14 7 +100 %
Bad Radkersburg ST 41 13 +215 %
Ferlach K 31 17 +82 %
Imst T 24 8 +200 %
Bludenz V 24 k.A. k.A.

Weil im Text angesprochen:

Ort Bundesland 2017 Mittel Abweichung
Wolkersdorf 44 * k.A. k.A.
Zwerndorf 44 * k.A. k.A.
Döllach K 5 0,8 +525 %
Sillian T 10 ** 1,8 +455 %

k.A. – keine Angabe, Station noch zu jung
* Rekord
** Rekord eingestellt

Tropennächte
Ort 2017 Mittel
Wien – Stadt 28 15,5
St. Pölten 4 1,1
Linz 4 1,6
Salzburg – Freisaal 2 0,6
Innsbruck – Universität 2 0,3
Bregenz 6 1,8
Klagenfurt 2 0,2
Graz – Universität 6 1,2
Eisenstadt 10 3,4

Wiener Sommernächte
Eine jede Hitzewelle bekommt aber erst durch ihre Nächte die besondere Würze, nämlich dann, wenn eine Abkühlung nicht mehr gegeben ist und die Temperatur oberhalb der 20-Grad-Marke verweilt; wir Meteorologen sprechen von Tropennächten. Eine österreichische Studie aus dem Jahr 2005 konnte zeigen, dass die Auswirkungen einer einzigen Tropennacht die gleiche physiologische Belastung zur Folge hat, wie eine 3-tägige Hitzeperiode! Man kann sich also vorstellen, was es heißt, gleich 28 solcher Nächte ertragen zu müssen – wer sich’s nicht vorstellen kann, möge doch bitte in die Wiener Innenstadt ziehen. Übrigens: Hitzewelle Nr.4 brachte selbst den Wiener Außenbezirken 6 Tropennächte in Folge – Rekord!

Warm allein ist nicht genug
Aber: Was sind in Zeiten wie diesen schon einfache Tropennächte? Die wärmste Nacht überhaupt gehört her! Et voila: Am 02. August 2017 sank die Temperatur in der Wiener Innenstadt nicht unter 26,9° – nur damit wir uns verstehen: Das ist höher, als die durchschnittliche August-Tageshöchsttemperatur! Neben Wien hatten auch eine Reihe anderer Stationen eine Rekordnacht, darunter: Groß Enzersdorf (NÖ / 24,6°), Retz (NÖ / 23,3°), St. Pölten (NÖ / 23,0°), Wieselburg (NÖ / 22,9°), Melk (NÖ / 22,8°) und Krems (NÖ / 22,5°). Vorarlberg wollte es heuer übrigens besonders wissen: Erst im Juni (23.06.) hatte das Ländle mit 24,7 Grad in Bregenz die wärmste Nacht hinter sich gebracht, im August (01.08.) wurde das nochmal getoppt: 25,5 Grad in Brand!

Tiefsttemperaturen vom 03. August 2017 in Wien – Rekord für Unterlaa, Hohe Warte und Innere Stadt!

Summa summarum
Angesichts derart hoher Temperaturen ist es wenig verwunderlich, dass nicht nur der August in den Top 10 der heißesten landet (Platz 5, Abweichung +2,0°), sondern auch der gesamte Sommer unterm Strich als ein extrem heißer bilanziert: Platz 3 im Österreich-Ranking! Damit hat zum dritten Mal in diesem noch jungen Jahrhundert ein Sommer geschafft, was in den Jahrhunderten davor (man bedenke: die österreichische Zeitreihe reicht zurück bis 1767!) absolut undenkbar gewesen ist: Eine Gesamtabweichung von über 2 Grad! Dem nicht genug, ist der heurige Sommer der nunmehr elfte des 21. Jahrhunderts, der innerhalb der Top 20 landet – wer da noch Zweifel am Klimawandel hegt, dem ist wohl nicht mehr zu helfen.

Die drei heißesten Sommer der österreichischen Messgeschichte.

Sommer-Vergleich
2003 2015 2017
wärmster Sommer 2t-wärmster Sommer 3t-wärmster Sommer
Juni +4,3° +1,3° +3,1°
Juli +0,9° +3,0° +0,9°
August +3,5° +2,7° +2,0°
Gesamt +2,9°
+2,4°
+2,0°
Sommer - Hitparade
Platz Jahr Abweichung Platz Jahr Abweichung
1. 2003 +2,9° 11. 1834 +1,0°
2. 2015 +2,4° 12. 2016 +0,9°
3. 2017 +2,1° 13. 2010 +0,8°
4. 1992 +1,5° 14. 2007 +0,8°
5. 1811 +1,4° 15. 1859 +0,6°
6. 1994 +1,3° 16. 1950 +0,6°
7. 2012 +1,3° 17. 2008 +0,6°
8. 2013 +1,2° 18. 1983 +0,6°
9. 1807 +1,1° 19. 2009 +0,5°
10. 2002 +1,0° 20. 1797 +0,4°

Ambivalente Niederschlagsbilanz
Doch verlassen wir nun den Bereich der Temperatur und widmen uns dem Niederschlag. Man sagt ja, Dürre ist der Hitze Schwester – trifft das heuer auch zu? Nun, pauschal lässt sich diese Frage weder mit „ja“ noch mit „nein“ beantworten, aus einem einfachen Grund: Je nach Region war der Sommer entweder extrem trocken oder extrem nass. Bis zu 50% weniger Niederschlag im Wald- und Weinviertel stehen bis zu 60% mehr Niederschlag etwa im Salzburger Lungau und der westlichen Obersteiermark gegenüber. Damit zählt dieser Sommer im Nordosten (Wald-, Weinviertel, Wien, Nordburgenland) zu den trockensten, während er in weiten Teilen des Bergland unter den nassesten rangiert.

Niederschlagsabweichung des Sommers 2017 in % (Karte ZAMG)

Unwetter vs. Sonnenschein
Diese „nass-trocken“-Diskrepanz ist ganz klar auf eines zurückzuführen: Gewitter. Wirkliche Regentage nämlich waren in diesem Sommer selten (den ersten flächendeckenden Landregen gab es gar erst am 24. Juli!), dafür spricht auch die Sonnenscheindauer: Österreichweit ein Plus von 18% – damit reiht sich dieser Sommer eigentlich unter die sonnigsten (Rekord: +24% / 2003). Gleichzeitig aber waren unter den Gewittern auch einige Kracher dabei: Am Abend des 30. Juli etwa wurden in Innsbruck im Zuge eines Gewitters Orkanböen bis 165 km/h gemessen – eine der höchsten Windspitzen, die jemals in tiefen Lagen registriert wurden. Und am 10. Juli rauschte nahe des Flughafens Wien-Schwechat mir nichts, dir nichts ein Tornado vorbei …

Der Tornado bei Wien-Schwechat, aufgenommen am 10. Juli 2017. Mit besonderen Dank für dieses Bild an (c) Roland Prodinger, AustroControl

Sieht man auch nicht alle Tage …
Tornados sind übrigens nicht so selten, wie allgemein vermutet – eine Handvoll gibt es pro Jahr in Österreich (Dunkelziffer nicht berücksichtigt). Was diesen einen bei Schwechat freilich ausgemacht hat, war a) seine Langlebigkeit (gut 10 Minuten!) und b) die fast filmreife Vorführung, die er an den Tag gelegt hat: solch Musterexemplare sieht man selten. Bei aller Glorifizierung darf natürlich nicht vergessen werden, dass dieser durch nicht-bewohntes Gebiet zog. Nicht auszumalen, was passiert wäre, hätte er eine andere Route gewählt.

Conclusio
Fünf Hitzewellen und damit einhergehend eine ungeheure Anzahl an heißen Tagen und warmen Nächten, in manchen Regionen große Trockenheit, in anderen praktisch täglich Gewitter: Der Sommer 2017 verdient am Ende nur das Attribut „extrem“. Damit steht er den Jahrhundertsommern 2003 und 2015 um nichts nach. Extrem wird Programm. Extrem wird das neue Normal!

PS: Wer von euch kann sich eigentlich an den letzten kalten Sommer erinnern? Nein, nein, nicht nur kühl, richtig kalt?! Wohl die wenigsten! Der letzte kalte Sommer (Abweichung ≤ -1°)  liegt nämlich Jahrzehnte zurück: 1989. Seit damals gab es höchstens hin und wieder mal einen etwas kühleren Sommer, die aber allesamt innerhalb der klimatologischen Schwankungsbreite liegen und deshalb nicht als kalt durchgehen. Seit 1989 aber gab es bereits 5 sehr warme Sommer (Abweichung ≥ 1°) und mit dem heurigen 3 extrem warme (Abweichung ≥ 2°) – falls ihr mal ein Small-Talk-Thema braucht ;)

Dank an Alexander Orlik (ZAMG)

Die angesprochenen Studien im Text:
Schär, C., Vidale, P.L., Lüthi, D., et al., 2004:
The role of increasing temperature variability in European summer heatwaves. Nature 427: 332–336
Institut für Meteorologie und Bodenkultur, Medizinische Universität Wien, 2005: Untersuchung zur nächtlichen Abkühlung in einem sich ändernden Klima. StartClim 2005

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