Sommer 2015: Hitze ohne Ende

Überraschung!
Der Sommer 2015 setzt im Endspurt noch einmal alles daran, den bisher heißesten (den Sommer 2003) vom Thron zu stoßen und schickt die mittlerweile fünfte Hitzewelle ins Rennen. Doch trotz Rekorden an allen Ecken und Enden, für Gold reicht’s am Ende überraschenderweise nicht: Der Sommer 2015 geht zwar als extrem heißer, nicht aber als der heißeste in die österreichische Geschichte ein. Doch wie schon 2003, stellt auch der heurige eine Naturkatastrophe ungeheuren Ausmaßes dar. Eine Bilanz zum Sommerende.

Sommer 2015

Extreme Hitze und Dürre zeichnen den Sommer 2015 aus (Foto: APA).

Rekorde en masse
Die Liste der Rekorde, die dieser Hitze-Sommer aufgestellt hat, ist beachtlich:

      • Neue Tages-, Monats- und Stationsrekorde,
      • der heißeste Juli der österreichischen Messgeschichte,
      • die meisten Hitzewellen,
      • vielerorts die größte Anzahl an heißen Tagen (= Tropentage, Höchstwert ≥ 30°) wie auch extrem heißen Tagen¹ (Höchstwert ≥ 35°),
      • die größte Anzahl an Tropennächten (Tiefstwert ≥ 20°), darunter die wärmste Nacht überhaupt, sowie der heißeste Morgen mit 30 Grad um 8 Uhr früh

Nur ein einziger wurde nicht geknackt: der Allzeit-Rekord von 40,5° (Bad Deutsch-Altenburg, NÖ) aus dem Jahre 2013; der heurige Hitzepokal geht mit “bloß” 38,3° nach Tulln & Krems (beide NÖ, 19. Juli 2015)2. Detail am Rande: Auch 2003 wurde mit 38,6° (Zwerndorf/NÖ, 13.08.2003) kein Allzeit-Rekord aufgestellt, der damals noch bei 39,7° (Dellach im Drautal/K, 1983) lag.

Top10 - Sommer

Top 10 – Sommer in Österreich (Foto: wetterblog.at, Daten: ZAMG).

2015 vs. 2003
Da stellt sich doch die Frage: Warum zum Henker hat es trotz der vielen Rekorde nicht für den heißesten Sommer gereicht? Nun, weil wir 2015 etwas hatten, das 2003 ausgeblieben ist: die Schafskälte! Wir erinnern uns: Der Juni ist zwar sensationell heiß gestartet (Hitzewelle Nr. 1), das letzte Junidrittel war dann aber etwas unterkühlt – deshalb ist der Juni auch in vielen Köpfen als kühler Monat in Erinnerung. Zu Unrecht, belegt dieser doch Platz 10 (Abweichung +1,3°) der österreichischen Hitparade! 2003 hingegen ist die Schafskälte komplett ausgefallen, der bis heute heißeste Juni der Geschichte war die Folge (mit einer unglaublichen Abweichung von +4,1°).

Heißer geht’s nimma!
Lässt man allerdings den Juni links liegen, dann kann der Sommer 2003 einpacken! Der Juli 2015 stellte nämlich alles bisher Dagewesene in den Schatten: Mit 2 extremen Hitzewellen (und damit einhergehend einer immensen Zahl an Tropentagen wie auch -nächten) und einer Abweichung von +3,1° war dies nicht nur der heißeste Juli aller Zeiten, sondern in manchen Regionen Österreichs (wie in Teilen Tirols, Kärntens und Oberösterreichs) überhaupt der heißeste Monat der jeweiligen Messgeschichte4!

Innsbruck

In Innsbruck wurde am 07. Juli 2015 mit 38,2° nicht nur ein neuer Stationsrekord gemessen, der Juli 2015 geht im Inntal auch als heißester Monat in die Geschichtsbücher ein (Foto: ATV/iStock)

Horror-Höhepunkt 
Wer nach diesem Juli dachte, es könne nicht mehr schlimmer kommen, wurde rasch eines besseren belehrt. Denn erst der August brachte mit Hitzewelle Nr. 4 die längste und heftigste dieses Sommers: Mit einer Dauer von 12 Tagen, davon 9 über 35° sowie 11 Tropennächten am Stück, war das beispielsweise in Wien ein Hardcore-Ereignis das seinesgleichen sucht. Selbst die extreme Hitzewelle 2003 (übrigens die einzige damals) kommt da nicht heran: Damals waren es 13 Tage, an lediglich 2 wurde der 35er geknackt.

Statistische Unmöglichkeit
Damit hat dieser Sommer etwas geschafft, das statistisch gesehen gar nicht hätte passieren dürfen: Noch nie gab es dermaßen viele extrem heiße Tage! Schön zu sehen einmal mehr am Beispiel Wien3: Seit Aufzeichnungsbeginn 1872 gab es in der Bundeshauptstadt erst 39 Tage mit mehr als 35 Grad – im Schnitt also alle 4 Jahre mal einen. Nun der Vergleich zu heuer: Allein der August brachte 9, der gesamte Sommer 17! Hier noch von Rekord zu sprechen, ist wohl untertrieben.

Anzahl extrem heißer Tage

Anzahl der extrem heißen Tage in Wien seit Aufzeichnungsbeginn 1872 (Graphik: wetterblog.at, Daten: ZAMG, Hintergrundbild: foto-webcam.eu). Hinweis: Die Graphik enthält noch den Wert von 15 extrem heißen Tagen, nach Veröffentlichung dieses Artikels sind zwei weitere hinzugekommen (korrekte Anzahl: 17).

Unter’m Strich
Summa summarum sieht nun also die Bilanz wie folgt aus (im Vergleich mit 2003):

2015   2003
Juni +1,3° Platz 10 +4,1° Platz 1
Juli +3,1° Platz 1 +0,9° Platz 20 
August +2,8° Platz 4 +3,2° Platz 3
SOMMER +2,5° Platz 2  +2,8° Platz 1

Wir sehen: Der Hochsommer (also nur Juli und August) an sich, war brutal heiß, heißer noch als 2003. Doch das Zünglein an der Waage ist der Juni mit seiner Schafskälte, und da der Juni nun mal klimatologisch zum Sommer zählt, kommt im Gesamtergebnis “nur” Platz 2 heraus. Doch egal ob Gold oder Silber, eines haben beide Sommer gemeinsam: Es waren große Naturkatastrophen!

Temperaturabweichung Sommer 2015

Temperaturabweichung Sommer 2015. Trotz Hitze ohne Ende und Rekorden en masse, geht der Sommer 2015 “nur” als zweitwärmster in die Geschichte ein (Bild: ZAMG).

Französisches Trauma
Europaweit 70.000 Hitzetote5 – die Bilanz des Sommers 2003 spricht Bände. Was die wenigsten wissen: Kaum ein Wettereignis hat in Europa mehr Tote gefordert, es gilt nach dem Erdbeben von Messina 1908 als schwerste Naturkatastrophe des Kontinents. Besonders heftig war damals Frankreich betroffen – wohl mit ein Grund, warum in der Grande Nation Hitzewellen nicht mehr medial gefeiert werden.

Gehirnwäsche à la ORF
Von dieser Sensibilisierung sind wir hierzulande noch weit entfernt. Nicht ganz unschuldig der Staatsfunk, der vor jeder Hitzewelle über all seine Kanäle ein Jubelfeuerwerk zündet, das häufig einfach nur fehl am Platz ist, da es Normalität suggeriert, die nicht den Tatsachen entspricht. Ohne jetzt mit dem Bildungsauftrags-Argument zu kommen, aber eine etwas kritischere bzw. reflektierendere Herangehensweise wäre wünschenswert. Auch im Wetterbericht.

Hitze ist böse!
In Österreich waren es im Sommer 2003 übrigens 300 Hitzetote6, Zahlen für heuer, gibt’s noch keine. Aus Frankreich allerdings wurden alleine während der ersten Hitzewelle im Juli 700 Tote gemeldet, in Belgien 410, in der Schweiz knapp 3007  – es wird noch eine Zeit dauern, bis erste Schätzungen der Gesamtzahl vorliegen. Was man aber jetzt schon sagen kann: Die hitze-bedingte Sterblichkeit wird weiter zulegen, allein der Beginn des 21. Jahrhunderts brachte einen Anstieg um 2300% im Vergleich zu den 90er Jahren8. Und Studien zeigen: Österreich bleibt da keine Ausnahme, die Mortalität wird hierzulande pro 1° Temperaturanstieg um bis zu 6% zunehmen6 – die ganzen Folgewirkungen (Dürre, Unwetter, etc.) sind da noch gar nicht berücksichtigt.

Mortalität bedingt durch Extremereignisse.

Mortalität bedingt durch Extremwetterereignisse. Die hitze-bedingte Sterblichkeit sticht deutlich heraus (Quelle: The Global Climate 2001-2010 – Summary Report, WMO8)

Geschwister
Was uns gleich zum nächsten Punkt bringt, denn was einen jeden Hitzesommer eben zusätzlich verschärft, ist die oft damit einhergehende Trockenheit; Missernten, Waldbrände und Hitzeschäden sind häufig die Folge. Kurz: Dürre ist der Hitze Schwester! 2003 belief sich der europaweite Gesamtschaden auf 13 Milliarden Euro9, heuer dürfte dieser Wert ähnliche Dimensionen (wenn nicht gar höhere) erreichen – allein in der österreichischen Landwirtschaft rechnet man 2015 mit einem Schaden von über 100 Millionen Euro10! Hinzu kommen freilich immense Auswirkungen auf Flora & Fauna, Gletscher, Feuchtgebiete, Seen, Flüsse, etc., die sich erst nach und nach offenbaren werden.

Niederschlagsabweichung Sommer 2015

Niederschlagsabweichung vom langjährigen Mittel 81-10. Der Sommer 2015 geht als der trockenste seit 1911 in die Geschichte ein! (Bild: ZAMG)

Alarmstufe rot
Der Sommer 2003 ging als Jahrtausendereignis in die Geschichte ein, galt selbst in Zeiten des Klimawandels als nicht wiederholbar. Eine Studie11 aus dem Jahre 2004 sah die Wiederkehrperiode gar bei 9000 Jahren! Daraus sind nun 12 Jahre geworden, der Sommer 2015 hat den Horror von damals wiederholt. Ein Alarmsignal an Österreich, an Europa, ja an die gesamte Welt! Denn global kann keine Schafskälte dazwischenfunken: Die letzten 3 Monate waren weltweit die heißesten der Messgeschichte.

PS: Um diesem Ausnahmesommer doch noch was Gutes abzugewinnen: Im Dezemer 2015 tritt die Welt zur Weltklimakonferenz in Paris zusammen, um das Nachfolgeprotokoll zu Kyoto zu verhandeln. Ich hoffe, dieser Sommer hat den Verantwortlichen die Augen geöffnet. Denn Paris wird unser aller Schicksal entscheiden …


Fußnoten
¹ Seit kurzem geistert in diversen Medien für Tage ≥ 35° der Ausdruck “Wüstentag” herum, mittlerweile gibt es sogar einen eigenen Wikipedia-Artikel! Hierbei handelt es sich aber um keinen klimatologischen Terminus.

Der am 22.Juli 2015 aufgestellte Höchstwert von 38,6° in Gars am Kamp (NÖ) wird als Fehlmessung angesehen.
Falls sich wer fragt, warum ich oft Wien heranziehe: die Bundeshauptstadt hat eine sehr lange Messreihe, Monatsdaten existieren seit 1767, Tagesdaten seit 1872.
Messbeginn der jeweiligen Landeshauptstädte: Klagenfurt 1813, Innsbruck 1777, Linz 1816.
5 Quelle: Report on excess mortality in Europe in Summer 2003; Jean-Marie Robine et al., Institut national de la santé et de la recherche médicale, 2007 (online verfügbar)
6 Quelle: Österreichischer Sachstandsbericht Klimawandel 2014 (AAR14), Austrian Panel on Climate Change, Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, 2014
7 Quellen: Frankreich: Französisches Gesundheitsministerium, Schweiz: Bundesamt für Statistik, Belgien: Wissenschaftliches Institut für Volksgesundheit

Quelle: The Global Climate 2001-2010, WMO-No. 1119, World Meteorological Organization, 2013 (online verfügbar)
9 Quelle: Impacts of summer 2003 heat wave in Europe,  United Nations Environment Programme (online verfügbar)
10 Quelle: Österreichische Hagelversicherung, Presseaussendung vom 10. August 2015
11 Quelle: The role of increasing temperature variability in European summer heatwaves, Schär, C., Vidale, P.L., Lüthi, D., et al., 2004 in Nature 427: 332–336

3 Kommentare
  1. Franz Vollo
    Franz Vollo sagte:

    Guter Artikel, beeindruckende statistische Details!

    Fast schon gruselig: Wien hatte im Zeitraum 1872-2015 insgesamt 39 Tage über 35°C, davon 15 im Jahre 2015.

    Das charakterisiert den Sommer 2015 ganz gut, … und heute ist der 40. Tag seit 1872 mit mehr als 35°C und der 16. des Jahres 2015 …

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    • Manuel Kelemen
      Manuel Kelemen sagte:

      Lieber Franz,
      die 39 Tage sind von 1872-2014 – die heurigen 15 (16, 17?) müsste man hinzuzählen.
      Dennoch – wie du richtig sagst – gruselig, haben wir heuer rund 1/4 aller extrem heißen Tage seit Aufzeichnungsbeginn erlebt … :/
      Danke für dein Lob & lieben Gruß
      Manuel

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