Ein Sommer auf Rekordjagd

Der Horror kehrt zurück
Der Sommer 2003 gilt in vielen Ländern Europas als der heißeste der Geschichte und gleichzeitig auch als eine der größten Naturkatastrophen des Kontinents. Die Wahrscheinlichkeit, einen solchen nochmal erleben zu dürfen/müssen, ist diversen Studien zufolge äußerst gering; eine aus dem Jahre 2004 sieht die Wiederkehrperiode gar bei 9000 Jahren! Doch dem heurigen Sommer scheint das wurscht zu sein, er setzt nämlich alles daran, den Horror von 2003 nach nur 12 Jahren zu wiederholen – eine Bilanz zur Sommer-Halbzeit.

Damals …
Portugal, Spanien, Frankreich, Schweiz, Deutschland, England und Luxemburg – europaweit sind 2003 die Hitzerekorde gepurzelt. In Österreich zwar nicht, dafür war aber die Dauer der Hitze extrem: an 38 Tagen (!) wurden beispielsweise in Wien über 30 Grad gemessen (normal sind 15). Mit sensationellen +2,8° Abweichung steht dieser Sommer unangefochten am Stockerl – zum Vergleich: Platz 2 (der Sommer 1992) brachte es auf lediglich +1,4° Abweichung.

Top 10 - Sommer (veraltet)

Top Ten – Sommer in Österreich. Der Sommer 2003 steht unangefochten auf Platz 1 (Graphik: wetterblog.at)

… und heuer
Heuer ein ganz ähnliches Bild: Spanien, Frankreich, Schweiz, Deutschland, England und Luxemburg – sie alle waren an den Rekorden von damals knapp dran oder haben diese sogar schon übertrumpft. In Deutschland etwa wurde am 05. Juli 2015 ein neuer Allzeit-Rekord aufgestellt: 40,3 Grad! In Österreich hat’s für einen neuen bisher nicht gereicht, wie schon 2003 gilt aber auch diesmal: Herausragend ist die nicht enden wollende Hitze.

Hitzewelle Juli 2015

Temperaturabweichung der ersten Juliwoche über Europa. Quer über den Kontinent wurden Rekorde alle Art gemeldet (Quelle: NOAA)

Weicheier!
Denn was die meisten vergessen: Österreich ist nicht Spanien! Der mitteleuropäische Sommer ist nun mal geprägt von Warm- und Kaltphasen, stabiles Badewetter ist mehr die Ausnahme denn die Regel. Doch heuer rauschen wir von einer Hitzewelle in die nächste: Gleich der Juni ist mal außergewöhnlich heiß gestartet, blieb aber aufgrund der überpünktlichen Schafskälte bei den meisten als kühler Monat in Erinnerung. Weicheier sag ich nur! Der Juni 2015 belegt Platz 10 in der Hitliste.

Innsbruck Temperaturen

Tagesmitteltemperaturen und deren Abweichungen (farblich dargestellt) am Beispiel Innsbruck vom 01.06. bis 14.07.2015. Unterbrochen von der Schafskälte, war dieser Sommer bisher deutlich zu warm (Quelle: ZAMG)

Extrem wird en vogue
Der Juli machte dann überhaupt einen auf Oberchecker und begann gleich mal mit 7 heißen Tagen im Osten, 8 im Westen – am Stück wohlgemerkt! Wenn auch der österreichische Allzeit-Rekord von 40,5 Grad (Bad Deutsch-Altenburg, 2013) nicht erreicht wurde, so gab es doch eine Reihe von Stationsrekorden, unter anderem in Innsbruck mit 38,2 Grad am 07. Juli – ganz ohne Föhn! Hitzewellen dieser Art (die also gleich mal eine Woche dauern) waren im 20. Jahrhundert noch selten (in der ersten Hälfte überhaupt unbekannt) und sind erst in den 2000ern in Mode gekommen. Damit haben wir bereits jetzt zur Sommer-Halbzeit unser Soll an heißen Tagen (Temperatur ≥ 30 Grad) österreichweit so gut wie erfüllt.

Häufigkeit extremer Hitzewellen

Auftreten extreme Hitzewellen (≥ 7 Tage) am Beispiel Wien. Ein Phänomen, wie es erst in den 2000ern en vogue geworden ist (Daten: ZAMG, Gaphik: wetterblog.at, Hintergrund: foto-webcam.eu)

Heiße Nächte, heiße Nächte in …
Und dann auch noch diese Hardcore-Nacht auf den 08. Juli! Ich hab geglaubt, ich spinn, als ich mitten in der Nacht aufwach‘, mein erster Blick auf den Thermometer fällt (der natürlich am Nachtkastl steht – Meteorologe halt) und dieser 30 Grad anzeigt – um 3 Uhr Früh! Mit exakt 26,9 Grad Tiefstwert, war diese Nacht in der Wiener Innenstadt heißer als ein „normaler“ Julitag (26,7 Grad) – wie absurd ist das denn bitte? 96 österreichische Stationen (und damit 1/3 aller) meldeten eine Tropennacht (Temperatur ≥ 20 Grad) – damit war das landesweit die wärmste Nacht der österreichischen Aufzeichnungsgeschichte.

Kälte, wo bist du?
Der Juli ist somit nach den ersten 2 Wochen schon auf einem Niveau, welches selbst mit einem kompletten Wetterwechsel nicht mehr auszugleichen ist. Da ein solcher nicht nur nicht in Sicht ist, sondern auch die 2te Julihälfte durchgehend heiß aussieht, ist jetzt schon so gut wie fix: Dieser Juli wird der heißeste der Geschichte und den bisherigen aus dem Jahre 2006 (wir erinnern uns: in diesen fällt auch das Ende der Fußball WM 2006, Stichwort „Sommermärchen“) gleich mal mir nix, dir nix um 2 Grad toppen (Abweichung 2006: +2,7°) …

Hitze

Hitze ohne Ende – die Freibäder jubeln (Quelle: APA)

Nie war es heißer!
Damit hat der Juli 2015 sogar das Zeug, zum heißesten Monat überhaupt zu werden! Soll heißen: Nie war es in Österreich heißer, zumindest seit wir aufzeichnen. Schlimmer gehts nimma? Aber geh wo denn! Zusammen mit dem Juni, steht jetzt schon zur Halbzeit fest: Dieser Sommer ist einer der heißesten der Geschichte – und zwar unabhängig davon, wie der August wird.

3 Fälle, gleiches Ergebnis
Bringt nämlich dieser die Wende und wird kalt (dafür spricht derzeit Null), wird der Sommer 2015 trotzdem in den Top 10 landen – und alle jammern wieder, wie beschissen der Sommer war (verdammtes Kurzzeitgedächtnis!). Verläuft der August „normal“, hat er bereits einen Stockerlplatz – und noch immer werden viele jammern, denn „normal“ ist ja für viele gleich „kalt“. Verläuft er aber auch nur ansatzweise so wie der Juli, dann ist der Rekordsommer 2003 wohl Geschichte – und wieder werden alle jammern, nur diesmal zu Recht aufgrund der Hitze. Dass in diesem Fall die Autoren der anfangs erwähnten Studie1 eine neue erstellen müssten, sei dahingestellt ;)

PS: Wie kann es sein, dass aus 9000 Jahren auf einmal 12 werden? Nun, erstmal muss man abwarten, was sich europaweit noch tut – besagte Studie bezieht sich nämlich auf den gesamten Kontinent, ich hab jetzt freilich in diesem Artikel nur Österreich beleuchtet. Im Großen und Ganzen allerdings ist dieser Sommer einmal mehr ein Zeichen eines sich ändernden Klimas; wenn es wärmer wird, müssen zwangsläufig auch Extrema nach oben wandern und es ist kein Geheimnis, dass extreme Hitzewellen an Häufigkeit und Dauer zunehmen. Wir Meteorologen sehen es auch an den Gewohnheiten der Leute: 40 Grad waren vor ein paar Jahren noch unvorstellbar, mittlerweile werden diese fast gefordert – tatkräftig unterstützt mancher Medien. Aber nochmal: Österreich ist nicht Spanien! Ich für meinen Teil hoffe sehr, dass der August die Wende bringt, von mir aus kann es dann auch 31 Tage durchregnen …

Dank an Alexander Orlik (ZAMG)


Fußnote:
1
Schär, C., Vidale, P.L., Lüthi, D., et al., 2004: The role of increasing temperature variability in European summer heatwaves. Nature 427: 332–336

5 Kommentare
  1. Franz
    Franz says:

    Servus Manuel, super Artikel, danke !

    Einige von dir behandelten Themen haben wir ja am Mittwoch andiskutiert.
    Unbestritten „quält“ uns der heurige Sommer mit einer der schlimmsten Hitzewellen, auch wenn wir nur das Zeitinterval seit dem Klimasprung 1987 betrachten.
    Ich schließe mich deiner Hoffnung an, dass der August die Wende bringen möge. Vielleicht besinnt sich das Azorenhoch seine angedachten Rolle und zeigt uns seine kalte Schulter ;)

    Ist es wirklich der Klimawandel – unabhängig, ob durch anthropologische Treibhausgase mitverursacht oder natürliche Klimaschwankung – mit seiner globalen Erwärmung, der uns so extreme positive Temperaturabweichungen beschert? Meiner Meinung sind es doch oder zumindest auch die veränderten Großwetterlagen. Von der subjektiven Wahrnehmung – mit Statistiken kann ich nicht dienen – treten Zirkulationsmuster mit SW-licher Anströmung bei uns seit geraumer Zeit viel häufiger auf.
    Insgesamt habe ich auch den Eindruck, dass meridionale Wetterlagen gegenüber zonal geprägten zunehmen. Ist dies auch eine Folge des Klimawandels? Da sich die Arktis derzeit überproportional stark erwärmt, damit der Temperaturgradient zu den mittleren Breiten abnimmt und als Folgeerscheinung der Jetstream schwächer wird, wäre dies plausibel.

    Eine abschließende Hoffnung auf ein Gegensteuern liegt bei unserem Energielieferanten, der Sonne. Wir steuern auf ein Sonnenfleckenminimum zu, dies sollte die globale Erwärmung etwas einbremsen. Möge es so kommen.

    Viele Grüße,
    Franz

    Antworten
    • Manuel Kelemen
      Manuel Kelemen says:

      Servus!
      Bin da voll bei Dir, die Anzeichen mehren sich, dass sich die Großwetterlagen ändern. Eine erst kürzlich veröffentlichte ZAMG Studie kam zu dem Schluss, dass zonale Wetterlagen im Winter häufiger werden, wohingegen Starkniederschlagsereignisse (nicht konvektiv verursachte, sondern „starkniederschlagsrelevante Zirkulationstypen“ – wie es so schön heißt, also beispielsweise Vb-Lagen) im Sommer abnehmen.
      Auch der Umstand, dass sich der Alpenraum stärker erwärmt als im globalen Mittel, wird einer Verlagerung des subtropischen Hochdrckgürtels nach Norden zugeschrieben.
      Also ja, Großwetterlagen ändern sich offensichtlich.
      Nur: Warum tun sie das? Werden sie ja nicht freiwillig machen.
      Auch wenn dieser Punkt noch nicht zweifelsfrei geklärt ist, muss der Klimawandel eine Rolle spielen. Wie du richtig sagst, werden Großwetterlagen ja maßgeblich vom Jetstream gesteuert, der wiederum durch das Zusammenspiel von polarer Kaltluft und subtropischer Warmluft entsteht. Wird jetzt aber dieser Gradient schwächer (weil die Arktisregion wärmer wird), dann muss das eine Veränderung beim Jetstream bewirken. Kurzum: Ursache und Wirkung – ja, die Großwetterlagen ändern sich. Aber aufgrund dessen, weil es wärmer wird – zumindest hat die Wissenschaft derzeit keine andere Erklärung (die mir bekannt ist).

      Dass die Sonne einen Einfluss auf das Klima hat, ist unbestritten – schließlich ist sie ja der Motor. Ob die Sonnenfleckenaktivität da eine Rolle spielt, ist für mich fraglich, da diese ja regelmäßig auftreten. Der Strahlungsfluss der Sonne allerdings hat in den letzten 400 Jahren um lediglich +/- 0,5 W/m² geschwankt (Quelle: APCC Report 2014).

      Ich hoffe, ich konnte ein bisschen zum Verständnis beitragen! ;)
      SG
      Manuel

      Antworten
  2. Lili
    Lili says:

    Ich wiederhole mich, aber: Wie immer hervorragend geschrieben! Dennoch glaub ich, dass am 7. Juli in Innsbruck am Ende doch noch ein bissl der Föhn angeschoben hat bei der Höchsttemperatur, oder?

    Antworten
    • Manuel Kelemen
      Manuel Kelemen says:

      War das so? Als im TAWES der 38er gemeldet wurde, habe ich keine Anzeichen für Föhntendenzen finden können. Sag aber gleich: Ich bin Wiener – demnach kein Experte in Sachen Föhn ;)
      Aber danke für den Einwand – und natürlich das Lob ;)

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  1. […] dem gebloggten wissen zu überraschen. here we go: “die FPÖ und der klimawandel” und “ein sommer auf rekordjagd” viel spaß beim lesen und bis bald – hoffe […]

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